Weihnachten in Essen einst und jetzt
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Weihnachten in Essen einst und jetzt
von Johanna Kröger
Weihnacht! Heiliger Abend! Heilige Nacht.
Welche Freude wecken diese Worte noch heute in den Herzen von jung und alt. Die Kleinen sind voller Erwartung wegen der Gaben vom Christkind. Der besinnliche Mensch lebt mit der Kirche nach den Bestrebungen des Konzils. Der oberflächliche Christ denkt nicht mehr an das große Geheimnis der Menschwerdung Christi und genießt die Feiertage als Weltmensch. Und unsere Alten? Selige Erinnerungen aus ihrer fernen Jugendzeit werden wieder in ihrer Seele wach. Wie ganz anders war es noch zu Anfang dieses Jahrhunderts um Weihnachten in Familie und Heimat bestellt! Greifen wir noch weiter zurück. Wie sah es um Weihnachten, in Essen aus zu Anfang des vorigen Jahrhunderts und früher? Waren die Schaufenster so verlockend, die Straßen so kostbar illuminiert? Flossen die Gaben so reichlich? O nein! Und doch war das Glück so groß. Genügsamkeit, Zufriedenheit und ein tiefgläubiges Innenleben traten an die Stelle der materiellen Genüsse. Werfen wir einen Blick auf Weihnachten in Essen in der Vergangenheit.
Die ehemalige große Pfarrgemeinde Essen
Die Pfarrgemeinde Essen war vor einem Jahrhundert weit größer als heute. Auch Warnstedt gehörte bis 1854 kirchlich zum Teil zu Essen, Bevern bis 1904 und in der Zeit vor dem 30jährigen Kriege sogar Elsten und Wulfenau. Das hiesige ehemalige Gotteshaus, ein unansehnlicher Findlingsbau aus dem Jahre nach dem großen Brande von 1601, war viel zu klein geworden für die langsam angewachsene Einwohnerzahl von Essen, weshalb ein Böen über dem unteren Raum der Kirche angelegt worden war. Auch der Calhorner Böen an der Nordseite der Kirche faßte außer den Adeligen noch allerhand Bedienstete der Herrschaft.
Die Kirchwege — Der Kirchgang
Die Christmesse begann hier von alters her um 5 Uhr. Schon weit vorher wurde es auf den Wegen der entlegenen Bauerschaften lebendig. Die Adventsbläser sahen es als ihre Aufgabe an, die Christen zur Nachtmesse zu wecken. Bald nach Mitternacht ertönten die Adventshörner in jeder Bauerschaft und später auch in Essen selbst. Das Blasen packte an's Gemüt so monoton auch der Hörnerklang war. Auf zerfahrenen, oft verschneiten oder nassen Sandwegen eilte jung und alt zur Kirche, die Jugend zu Pferde oder auf Schusters Rappen. Unsere Alten fuhren auf Acker- oder Korbwagen in die dunkle Nacht hinaus. Die kleinen Öllampen am Wagen oder in der Hand der Fußgänger verbreiteten nur ein spärliches Licht. Auf dem Wagen hockten die Alten, sitzend auf einem Bund Hafer- oder Erbsenstroh. Auch bejahrte Nachbarn durften mitfahren, Kutschen gab es um 1850 noch nicht. Wo aber blieben die vielen Reit- und Wagenpferde im Orte?
In Essen gab es den Verhältnissen entsprechend, in alter Zeit viele Pferdeställe, u. a. in den Scheunen von Kaufmann Schade, Bäcker Böckmann, Wirt Diekhaus, Wirt Wehage (jetzt Bednarzyk) und Schwegmann, ehemals Vorwold. Altbekannt war derPferdestall für Post, Reiter und Handelsleute im heutigen Schwegmann´schen Garten an der Langenstraße. Andere Wege als heute führten bis zur Markenteilung 1826 durch die Bauerschaften ins Dorf, z. B. durch Osteressen, durch das Brook (die neue Hase wurde erst nach 1781 angelegt) nach Hengelage, durch Herbergen. Hier war der Hauptweg durch die Torfwagen während des Winters so zerfahren, daß er für die Kirchenbesucher kaum passierbar war. Gepflasterte Straßen gab es hier um 1800 nur im Ort. Der Calhorner Weg wurde von den Leuten aus Calhorn und Umgegend viel benutzt und hat noch heute in der neuen Kolonie im Hülsenmoor Geltung.
Am Weihnachtsmorgen in der alten Kirche bis 1869
Geheimnisvolles Dunkel lag in der Heiligen Nacht über dem ganzen Raum des alten Gotteshauses. Hie und da leuchteten die Kerzen schwach auf. Sie waren an den Wänden angebracht. Einige Leute brachten Kerzen mit zur Kirche und steckten sie in Kerzenhalter, die auf den Bänken befestigt waren. Solche Kerzen waren aus Schaftalg bereitet und von den Leuten selbst in Formen gegossen worden. Die Frauen und Mädchen, die sich auf verschneiten Wegen nasse Füße geholt hatten, wechselten ihre dicken Strümpfe aus Schafwolle im nördlichen kleinen Vorbau der Kirche, im sog. „Wiewerbur".
Die Christmesse
Um 5 Uhr trat der Pfarrer (1702 Vagedes, 1749 Frye) an den alten holzgeschnitzten Hochaltar. Küster Hoyer (1702) auf der Orgelbühne spielte das allen so bekannte Lied; «Geboren ist zu Bethlehem." Das andächtige Volk setzte machtvoll mit ein. Es wurden viele alte Weihnachtslieder gesungen, die allen aus der Überlieferung bekannt waren. Selten wurde ein Gebetbuch aufgemacht, denn die meisten Kirchenbesucher konnten um 1700 noch kaum lesen, auch fehlte das Licht. Aber der fromme Gesang öffnete die Herzen der tiefgläubigen Vorfahren im Schiff der Kirche und der Lehrer der Gemeinde, die im Chorstuhl Platz hatten. Die Kinder saßen auf kleinen Bänken und füllten das Chor der Kirche, im Hochzeitsanzug traten die Eheleute an den Tisch des Herrn, ihren „Wiehnachten“ zu halten. Das war für sie ein Erlebnis. Der Pfarrer predigte nach der Messe. (Von der altehrwürdigen Holzkanzel sind fünf Tafeln, welche die vier Evangelisten und den Kirchenpatron, den hl. Bartholomäus, darstellen, im Besitz des Kaufmanns H. Diekmann.) Wiederholt soll es vorgekommen sein, daß die Adventsbläser auch in der Christmesse bliesen. Das war äußerst störend und wurde vom Fürstbischof in Münster streng verboten.
Weihnachten wurde früher 3 Tage gefeiert. Die ersten beiden Tage gehörten nur der Familie. Diese Sitte hat sich noch in manchen Häusern erhalten. Am dritten Tage, dem Stephanustage, suchten leichtsinnige Kirchenbesucher sich für die stillen zwei Tage in der Familie zu entschädigen, indem sie über den Durst tranken. „Stephan ut dei Tünnen drinken", so nannte man diese Unsitte.
Die Weihnachtsbescherung
Nach dem Gottesdienste eilten die Gläubigen heim. Es wurde weihnachtlich still im Dorfe. Den Kindern schlug das Herz höher vor Freude. In ihrer Abwesenheit war daheim das Christkind dagewesen. Was mochte es ihnen gebracht haben? Auf dem Tisch in der Stube hatten sie einen Teller mit ihrem Namen aufgestellt denn einen Tannenbaum, unter dem heute die Gaben ausgebreitet sind, gab es bis in die 90er Jahre nur auf dem Tische der sogenannten Honoratioren. Wie strahlten die Augen, als jedes Kind auf seinem Teller schöne Geschenke erblickte! Auf dem Teller der Mädchen lag alljährlich ein Kartoffelschälermesser, gewöhnlich auch eine Kittelschürze, ein Ball, ein Tick-Tack-Tull, oder Kaitkenspiel für die A . - C. Schützen, die Schulausstattung, für die Knaben ein Käösel mit Schmicken aus Vaters Werkstatt und nebenbei auf jedem Teller eine kleine Bescherung in bunten Plätzchen. Diese hingen aber auch wohl auf einem Bindfaden, der quer durch die Stube gezogen war. Ein Frühstück aus Korinthenbrot und Zichorienkaffee vereinte Eltern und Kinder um den Weihnachtstisch.
Johanna Kröger
- Aus dem Oldenburgischen Hauskalender oder Hausfreund auf das Jahr 1956
- Digitalisiert und aufgearbeitet: h. Bruemmer
- Autor: Johanna Kröger, Lehrerin in Essen Oldenburg
- Quelle: Heimatblätter aus dem Jahre 1966, Februar, 45. Jahrgang, Nr. 1,
- http://www.ov-online.de/