Sodalität und Mäßigkeitsbruderschaft in Essen

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Vor 100 Jahren:

Gründung der Jünglings-Sodalität und der Mäßigkeitsbruderschaft in der Pfarrgemeinde Essen i. 0.

Vor einem Jahrhundert hielt der Pater Ketterer S. J. an verschiedenen Orten des Oldenburger Münsterlandes große Volksmissionen und kleine Mäßigkeitsmissionen ab, die großen Anklang fanden. Im Anschluss daran traten die Marianische Jünglings - Sodalität und die Mäßigkeitsbruderschaft ins Leben," die Jünglings - Sodalität u. a. 1855 in Friesoythe, Löningen und Dinklage. In Vechta war sie schon 1847 errichtet worden. In Dinklage wurde 1855 auch die Jungfrauen - Sodalität gegründet.

In Essen fand die genannte Volksmission statt in der Zeit vom 20. bis 28. Juli 1856 und anschließend die Gründung der Jünglings – Sodalität, der Mäßigkeitsbruderschaft für Erwachsene und der Hoffnungsvereins für Kinder.

Die Jünglings - Sodalität wurde am Feste Maria Geburt 1856 durch Pfarrer Meyer feierlich eröffnet und trägt den Titel „Mariä Geburt". 140 Jünglinge trafen zunächst der Sodalität bei. Bald stieg ihre Zahl auf 200. Der erste Präses, Kaplan Imbusch, war sehr rührig, bis er am 30. Juni 1861 nach Löningen versetzt wurde. In Kaplan Tapke erhielt er einen vortrefflichen Nachfolger und dieser in dem Präfekten Kaufmann Lambertus Fresenborg, dem Vizepräfekten Gerhard Meyer (Voß Gerd), den Assistenten Lehrer Josef Johannes und B. Engelke, dem Sekretär Lehrer Lambert Bojert und dem Küster Ferdinand Meyer eifrige Mitarbeiter.

Die Einführung der Mäßigkeitsbruderschaft wurde am 19. August 1856 von der bischöflichen Behörde beurkundet und am 03. September durch den Offizial Reißmann genehmigt. Im Jahre 1873 zählte die Mäßigkeitsbruderschaft 1121 Mitglieder und der Hoffnungsverein 138. In Pfarrer Meyer und dem zu Calhorn amtierenden Kaplan Hellmann fanden die beiden Vereine eifrige Förderer, zumal der Alkohol in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hier und mancherorts das Regiment führte. In Essen soll es damals 15 Brennereien gegeben haben. Um 1835 zählte das Münsterland 126 Branntweinbrenner. Der benötigte Rohstoff für die Herstellung des Branntweins wurde aus den kargen Erträgen des heimischen Bodens entnommen. Im benachbarten Bohmte verzehrte ein Brennkessel im August 1847 beispielsweise täglich 7 bis 10 Malter Kartoffeln für die Gewinnung von Fusel und Sprit. Angesichts solcher Tatsachen richtete sich der Kampf führender Persönlichkeiten jener Notzeit an erster Stelle gegen den Genuss von Branntwein, weniger gegen Bier oder Wein, mit dem Ziel, den religiösen Charakter des Volkes und die drückende wirtschaftliche Lage zu heben.

Kaplan Seling hatte schon in den vierziger Jahren als Mäßigkeitsapostel das Münsterland und das Emsland bereist und die Herzen für die Gründung der Bruderschaften, aufnahmefähig gemacht. Von ihm stammt auch das Essener Nationallied, Essener-Nationallied-1844 das noch heute bei festlichen Anlässen regelmäßig gesungen wird.

Wie ernst die Jugend vor 100 Jahren hier und an anderen Orten die Beobachtung der Statuten ihrer Sodalität nahm, geht u.a. daraus hervor, dass Essen den Sonntagstanz seit 1856 gänzlich ablehnte und dem Entschluss durch mehr als 70 Jahre treu blieb. Auch die Lustbarkeiten wurden eingeschränkt. Das Schützenfest für die Erwachsenen fand seit 1856 nicht mehr statt. Erst 33 Jahre später (1889) trat es wieder ins Leben. Nur das Kinderschützenfest blieb immer bestehen.

Woher die durchgreifende Einschränkung? Die Zeiten waren vor einem Jahrhundert schwer. Am politischen Himmel stiegen immer wieder drohende Kriegswolken auf, beängstigten die Gemüter und riefen die wehrfähigen Männer unter die Waffen, so 1848/49, 1864/1866, 1870/71. (Vergleiche Essen im Weltkrieg, Seite 704.) Der Broterwerb war nicht leicht und förderte die Hollandgängerei und die Auswandererlust nach Amerika und Ungarn.

Dem Zusammenschluss der Jugend in den religiösen Vereinen, der beispielhaften Haltung ihrer Führer, der Mäßigkeit im Genuss alkoholischer Getränke und gar der gänzlichen Enthaltsamkeit vom Alkohol ist es nächst dem Fleiß, der weisen Sparsamkeit und der tiefen Religiosität unserer Vorfahren zu danken, dass sie die Not der Zeit meistern lernten und ihre Nachkommen einer besseren Zukunft entgegenzuführen imstande waren. K.



Entnommen dem "Volkstum und Lansdchaft" aus dem Jahre 1956, Helft 36 - Seite 5

Eine Beilage der Münsterländischen Tageszeitung, Druck Fa. Imsieke Cloppenburg

Digital Aufbereitet: h. brümmer

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