Rote und blaue Fahne in Essen - 16. Jahrhundert
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"De rode und de blaue Faohne" in Essen – 16. Jahrhundert
Ein Bericht, zusammengetragen aus Erzähungen und den Unterlagen meiner Mutter.
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts hatte unsere Gegend arg unter den Plünderungen raublustiger Truppen zu leiden. Vor allem das Münsterland wurde zum Tummelplatz wilder Kriegshorden, da der Landesherr, der Fürstbischof von Münster, dem Niederstift wegen seiner isolierten Lage keinen genügenden Schutz bieten konnte.
Damals lagen die vereinigten Provinzen der Niederlande in hartem Kampf mit Spanien, das den Niederländern die erstrebte Unabhängigkeit nicht gewähren wollte. Beide Parteien warben nun Söldner, die ohne Bedenken ihren Herrn wechselten und bei dem in Dienst traten, der ihnen den höchsten Sold und die größte Freiheit zum Rauben und Plündern versprach. So zog Gesindel aus aller Herren Länder durch die Gegend, nach dem Grundsatz lebend: "Der Krieg muss den Krieg ernähren"
Vor allem hatten die größeren Orte und Bauerschaften, denen die Söldnerscharen Vieh, Geld und Wertsachen fortnahmen. Um ihr Hab und Gut zu schützen, bauten sich die Bauern feste steinerne Speicher, sogenannte Leihms, die mit tiefen, breiten Gräben umgeben wurden. Dorthinein schleppten sie ihre bewegliche Habe, dorthin flohen sie bei plötzlichen Überfällen und dort verteidigten sie sich gegen anstürmende Horden.
Der damalige Droste des Amtes Cloppenburg, Wilke Steding, verpflichtete alle wehrhaften Männer zum Dienst in einer Heimatwehr, welche die fürstbischöflichen Bürger und die Dörfer bei plötzlichen Überfällen schützen sollte. Als diese Maßnahme nicht ausreichte, wurden auf Befehl der Landesregierung in Münster vom 22. Aug. 1592 eine Abteilung Reiter, im Volksmunde "Hahnenfedern" genannt, ins Niederstift beordert, wo sie sich auf die einzelnen Dörfer verteilen sollten. Außerdem wurden sechzig Amtschützen in Sold genommen, die später durch Bauern ersetzt wurden.
Im Jahre 1594, am Donnerstag vor Drei-Könige, brach das Unheil auch über Essen herein. Spanisches Kriegsvolk erschien, in zwei Abteilungen von Lingen kommend, vor den Toren Quakenbrücks, um von hier aus überraschend in Essen einzufallen. Nach der Farbe der Fahnen, die den beiden Abteilungen vorangetragen wurden, nannte man sie de rode un de blaue Faohne. Da die Gegend um Quakenbrück in jenen Zeiten noch viel wasserreicher war als heute, mussten sie ihren Weg durch die Stadt nehmen. Die Quakenbrücker aber verkannten die Gefahr des Durchzuges für die Bevölkerung nicht und suchten ihn zu verhindern. Erst auf mehrmaliges Bitten gestatteten sie den Durchmarsch der Abteilungen in kleinen Gruppen. Auf der Hengelage vereinigten sie sich und dann ging es in Eilmärschen gegen Essen. Unterwegs raubten und plünderten sie alles, was sie nur bekommen konnten. Die Essener aber waren vorbereitet und hatten aus Vorsicht alle Brücken über die Hase abgebrochen. Auch waren ihnen einige Hahnenfedern zum Schütze beigegeben worden, die über die Hase hin einen der Söldner erschossen.
Wutschnaubend zogen die Spanier nach Quakenbrück zurück und erst nach langem Betteln erhielten sie die Erlaubnis, wiederum in kleinen Gruppen von Farwiks Brücke bis zur St. Annenpforte die Stadt zu durchziehen. Auf Umwegen marschierten sie dann durch Uptloh zur sogenannten Beverner Brücke, wo ihnen wiederum Halt geboten wurde. Auch diese Brücke war nämlich abgedeckt, aber nicht durch Bauern oder Hahnenfedern geschützt. Die Söldner holten sich nun aus den in der Nähe liegenden Häusern Türen, Wagenbretter und Dielen vom Boden und legten sie auf die stehen gebliebenen Brückepfeiler. Ohne Widerstand zu finden, zogen sie hinüber und standen nun bald vor dem Ostausgang des Ortes. Die wenigen Hahnenfedern ergriffen die Flucht und so war die Bevölkerung der Wut der Söldner preisgegeben. Als dann die Erlaubnis zum Plündern gegeben war, ergoss sich der Schwärm der Ausbeuter durch das Dorf. Ein Haufen Söldner drang in das Haus des Johan upn Hofften (Höffers Haus neben der Apotheke) ein, nahm den Besitzer gefangen und band ihn an einem auf dem Hofe liegenden Baumstamm. Darauf machten sie Feuer an und legten den Besitzer mit dem Baum in die Nähe der Glut. Dabei fragten sie ihn, ob er drittehalb Scheffel Roggen für einen Taler geben wolle und zudem zwei Schillinge Aufgeld. Darauf versetzten sie ihm zwei Schläge, drehten ihn mit dem Baum um und fragten ihn abermals, ob er drei Scheffel Roggen für einen Taler geben wolle und drei Schilling Aufgeld. So machten sie es mehrere male und jedes Mal erhielt der Bedauernswerte Schläge und Tritte. Er musste mit ansehen, wie sie seinen festen Speicher, in dem acht Malter Roggen lagerten und zwei Nachbarhäuschen ein Opfer der Flammen wurde. Nachdem sie die einzelnen Häuser des Dorfes geplündert hatten, richteten sie sich in den Häusern für mehrere Tage ein. Von Essen aus unternahmen sie in den folgenden Tagen Raubzüge in die Nachbarschaft, die sie bis Cappeln und Emstek ausdehnten. So wurde eine große Menge Rinder, Schafe Pferde und Ochsen sowie Wertsachen aller Art in Essen zusammen gefahren, die schätzungsweise einen Wert von 6000 Reichsthaler hatten.
Sogar dem Drosten Wilke Steding pressten sie 500 Goldgulden ab. Nach vier Tagen holten sie sich von den Bürgern des Ortes eine Menge Wagen, bepackten sie mit den geraubten Sachen und zogen in der Richtung Löningen weiter.
Mit dem Ende des Jahrhunderts hörten die Einfälle auf und die Bevölkerung konnte aufatmen, bis ihnen der 30-jährige Krieg neues Unheil brachte.
Autor: h.br.