Nachkriegsjahre - Währungsschnitt

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Nachkriegsjahre – Währungsschnitt

  • Die drei ersten Jahre nach der Kapitulation waren für viele Bewohner Essens noch schwerer als die vorhergehenden Kriegsjahre. Wohl fielen keine Bomben mehr, aber dafür versetzten die Fremdvölker, die im Kriege als Arbeitskräfte ins Land geholt worden waren, und die sich nun als Sieger fühlten, die Bevölkerung dauernd in Unruhe. Mehr als einmal überfielen sie die Bauernhöfe der Gemeinde und hielten die Hausbewohner in Kellern und Stuben in Schach, während ihre Helfershelfer Lebensmittel, Kleidungsstücke, Bettzeug und Wertsachen raubten, in bereitstehende LKW packten und damit verschwanden. Als dann diesem Unwesen ein Ende gemacht wurde, mußten für die Offiziere bei Bürgern im Orte Quartier gemacht werden.
  • Nun hörten die Erpressungen auf, unter denen auch die Gemeindeverwaltung zu leiden hatte. Die Reichsmark behielt zwar offiziell ihren Wert, doch man konnte außer den Waren auf Lebensmittelkarten nur wertloses Zeug kaufen. Andere zum Leben notwendige Sachen, vor allem Schuhe und Kleidung, kamen nur spärlich herein und wurden von den meisten Geschäften gehortet. Hinzukam, daß die Bewohner der Städte aus dem Ruhrgebiet das Münsterland überschwemmten, das bei ihnen als das Paradies, als das Land, "wo Milch und Honig fließt galt.
  • In Quakenbrück, Essen, Hemmelte, Cloppenburg und Höltinghausen stiegen sie aus und hamsterten in den Bauerschaften Butter, Speck, Eier, Wurst und Kartoffeln gegen Wertgegenstände, Porzellan, Wäsche, Stoffe, Garn und Haushaltungsgegenstände. In den überfüllten Zügen drängten sie sich zu zwanzig in den engen Abteilen, sie hingen wie die Trauben auf den Trittbrettern, hockten in den Bremshäuschen und lagen auf den Dächern der Waggons. Und hatten sie sich mühsam ein Säckchen Kartoffeln und einige Pfund Speck erobert, dann mussten sie fürchten, dass ihnen die so teuer erworbenen "Fettigkeiten" durch die Polizei oder andere wieder abgenommen wurden.
  • Arbeit war zwar genug vorhanden, aber wer mochte noch seine Arbeitskraft für die wertlose Reichsmark einsetzen, für die man doch nur die für schwere Arbeit nicht ausreichenden "Kalorien" erwerben konnte? Wer bauen oder reelle Arbeit sehen wollte, musste schon "kompensieren" können, um den Arbeitern und Bauleiten ein ordentliches Stück Fleisch im Mittagstopf, ein Butterbrot mit Aufschnitt, ein Päckchen Tabak oder einen "Schnaps zum Abgewöhnen" liefern zu können. Das wurde mit einem Schlage anders, als in der Nacht vom 20. zum 21. Juni in den Westzonen eine neue Währung, die Deutsche Mark, eingeführt wurde. Wie vor 25 Jahren bei Einführung der Rentenmark verloren wiederum die gutgläubigen Sparer die Früchte ihrer Arbeit. Jede Familie erhielt nach Abgabe von 50 Reichsmark pro Person ein Kopfgeld von 50 neuen DM; alles andere wurde wertloser Plunder. Am schlimmsten betroffen wurden dadurch die Ostvertriebenen, die ja nichts Wertbeständiges ihr eigen nannten, während die Einheimischen nicht nur Grund, Haus und Boden, sondern auch ihre Möbel behielten.
  • Es war also ein schlechter Trost, wenn man den Flüchtlingen sagte: "Auch wir haben alles verloren!" Mit dem Stichtag X setzte überall in Deutschland das "deutsche Wunder" ein. Die Schaufenster füllten sich über Nacht mit den begehrenswertesten Artikeln, das Schlangestehen wurde weniger, die Hamsterei hörte auf und es gab wieder Hefte, Bücher und Zeitungen, überall begann wieder neues Planen und Aufbauen und damit neue Verdienstmöglichkeit. Wohl hatten mit dem Tage X viele Väter ihre Arbeit verloren - bei den Vertriebenen betrug sie anfänglich noch 80 % - doch reichte das "deutsche Wunder", dessen Organisation die deutsche Wirtschaft und dessen Träger die Arbeiter, Angestellten und Beamten waren, sie rasch in den Arbeitsprozeß ein.


Vertriebene als Neubürger


  • In den Vor- und Nachkriegsjähren 1944 - 1947 erhielt die Bevölkerung der Gemeinde durch den Zuzug von Evakuierten und Ostvertriebenen einen gewaltigen Aufschwung, wie sie ihn in ihrer ganzen Geschichte nicht zu verzeichnen hat. Ende 1944 und Anfang 1945 trafen aus den bombardierten Gebieten des Ruhrgebiets und aus den westlichen Kampfgebieten Evakuierte mit ihren Familien ein, die bei Verwandten Aufnahme fanden und nach dem Aufbau der zerstörten Gebiete größtenteils wieder in ihre Heimat zurückkehrten. Ihnen folgten kurz vor Ostern 1945 die ersten Vertriebenen aus Pommern und Ostpreußen. Sie wurden von der Gemeinde in Familien untergebracht, die noch freien Wohnraum entbehren konnten. Den größten Schub aber brachten die Vertriebenenzüge aus Schlesien im Jahre 1946. Die Zahl der Flüchtlinge betrug Ende 1949 = 2.691 Personen bei einer Gesamtbevölkerung von 8.476 Einwohnern, also 31,7 %.
  • Nur mit dem Allernotwendigsten, was sie in Bündeln, Koffern und Rucksäcken mitschleppen konnten, kamen die Vertriebenen bei uns an. Alles andere, Haus und Hof, Hab und Gut und ihre schöne, fruchtbare Heimat hatten sie den Polen und Russen überlassen müssen. Unter dem Eindruck dieser offensichtlichen Notlage bewies die Essener Bevölkerung fast allgemein ihre echt christliche Gesinnung, so daß ihre Unterbringung der Gemeinde vorerst keine allzu großen Schwierigkeiten bot. Sie wurden in die Häuser der Einheimischen und zum großen Teil auch in die Tischgemeinschaft aufgenommen. Die Vertriebenen freuten sich, nach den Strapazen der langen Reise und der oft elenden Behandlung wieder ein Dach über dem Kopf und eine menschenwürdige Behandlung zu finden. Es gab aber leider Gottes auch Elemente, welche die Flüchtlinge als unerwünschte Eindringlinge betrachteten, ihnen nur mit Widerwillen Obdach gewährten und ihnen nicht einmal die zum Leben notwendigen Lebensmittel zur Verfügung stellten, so daß sie dieselben von gutgesinnten Leuten erbetteln mussten.
  • Da nur wenige arbeitsfähige Familienväter mitgekommen waren, wurden besonders die arbeitswilligen Frauen und Jugendlichen geschätzt. Das war verständlich, da die von der nationalsozialistischen Regierung hereingeholten und in der Gemeinde beschäftigten Fremdarbeiter [Russen, Polen, Franzosen, Italiener] nach der Kapitulation die Arbeit weigerten und für die Heimkehr rüsteten. Bis zu dem von der Militärregierung erlassenen Unterrichtsverbot besuchten die Flüchtlingskinder die Schulen der Gemeinde, die damals Gemeinschaftsschulen waren. Als dann nach Aufhebung des Verbots wieder die konfessionelle Schule eingeführt wurde, sah sich die Gemeinde gezwungen, für die 93 evangelischen Schulkinder eine zunächst einklassige Volksschule einzurichten, die aber bald zweiklassig wurde und 1950 auf 153 Kinder in drei Klassen anwuchs. Den Kindern der Ostvertriebenen kam das Plattdeutsche zuerst als eine Fremdsprache vor und manche fragten in der ersten Zeit die Eltern: "Sprechen die Leute hier auch polnisch?" Im Umgang mit den Einheimischen aber lernten sie schnell die neue Sprache, so daß man sie kaum mehr von den Einheimischen unterscheiden kann. Wegen mangelnden Schuhwerks, wegen Krankheit infolge Anstrengungen der langen Reise und weil sie viel zur Arbeit beim Bauern wurden, war der Schulbesuch anfänglich recht mangelhaft und betrug durchschnittlich 23 – 25%. Auf die Gesundheit der Schuljugend wirkte sich die von 1948 – 1951 durchgeführte Schulspeisung günstig aus.
  • In kirchlicher Hinsicht waren die Flüchtlingsfamilien in Essen besser daran, als ihre Leidensgefährten in der nordoldenburgischen Diaspora. Die katholischen Familien fanden in den Pfarrkirchen von Essen und Bevern wieder eine seelische Heimstätte, die ihnen der enge Wohnraum oft nicht geben konnte. Für die stark angewachsene evangelische Gemeinde, die 1947 in Pfarrer Kiel einen eigenen Seelsorger erhielt, wurden in der kleinen Kapelle neue Bänke beschafft und eine Heizung eingebaut. Bei größeren kirchlichen Veranstaltungen [Konfirmation, Missionsvorträge, hohe Feuertage] stellten ihnen die katholischen Gemeinden ihre Kirchen zur Verfügung.
  • Suchte von katholischer Seite die Caritas die erste und dringendste Not zu lindern, so sprang für die evangelischen Neubürger das Evangelische Hilfswerk ein durch Kleiderspenden, durch Sammlung und Verteilung von Bargeld und Lebensmitteln und Vermittlung von Care-Paketen aus den U.S.A. mit ihrem reichen Inhalt an Konserven, Keks, Kaffee, Mehl, Schokolade und Kakao für die Ärmsten der Armen. Bei Familienfeiern [Taufen, Erstkommunion, Konfirmation und Trauungen] boten sie eine fühlbare Hilfe. Die im Verborgenen geübte Liebestätigkeit soll hier nur nebenbei erwähnt werden. Als dann auch der Staat mit der Hausratshilfe einsprang, konnten sich die Neubürger die lang entbehrten Betten, Schränke, Öfen, Herde und notwendige Möbelstücke beschaffen. Noch wirkungsvoller wirkten sich die Zahlungen aus dem Lastenausgleich aus vor allem für kinderreiche Familien.
  • Die wirtschaftliche Lage der Vertriebenen war in den ersten Jahren ausgesprochen schlecht. Die Haupteinnahmequelle war für viele neben der Arbeit beim Bauern die Kartoffelernte im Herbst. Die Währungsreform am 20.06.1948 brachte zwar für den Augenblick etwas bares Geld, aber vorerst für manche Familie neue Arbeitslosigkeit. Als sich dann aber das "deutsche Wunder" auswirkte und neue Erwerbsmög1ichkeiten schuf, konnten auch vie1e Vertriebene in den Arbeitsprozeß eingereiht werden. Viele wanderten aus in neue Aufnahmegebiete besonders zum Ruhrgebiet, wo sie nicht nur Arbeit sondern auch bessere Unterkunft fanden. Die Zahl der Abwanderer kann man ungefähr errechnen, einmal aus der Abnahme der Einwohnerzahl der Gemeinde:

Am

  • 01.01.1950 - 8.476;
  • 01.01,1951 - 8.152;
  • 01.01,1953 - 8.010;
  • 01.01.1954 - 7.761;
  • 01.01.1955 - 7.704;
  • 01.01.1956 – 7.387,

dann aber auch aus der Abnahme der Kinderzahlen und der evangelischen Volksschule:

  • 1949/50 - 154;
  • 1950/51 - 153;
  • 1951/52 - 146;
  • 1952/53 - 136;
  • 1953/54 - 94;
  • 1954/55 - 92;
  • 1955/56 - 76;
  • 1956/57 - 55.
  • Allmählich, wenn auch sehr langsam, besserten sich auch die Wohnverhältnisse. Im Hülsenmoor ließ die Gemeinde eine geräumige Wohnbaracke für acht Familien errichten. Mehrere Bauern erbauten "ihren" Flüchtlingen massive Kleinwohnungen, wodurch sie wieder in den Gebrauch ihrer belegten Wohnräume kamen. Andere bauten Nebengebäude des Hofes zu Wohnungen aus. Die Kleinwohnungen auf dem Schützenplatze wurden zur reinen Flüchtlingssiedlung. Mit Hilfe von Staatsmitteln für den sozialen Wohnungsbau und Darlehn errichtete sich eine Reihe von Vertriebenen auf dem Galgenberg [5]), im Hülsenmoor [5] und am Nadorster Weg [4] Eigenheime. Verschieden konnten sich wenn auch mit großer Mühe eigene Handwerksbetriebe einrichten. Sehr viel zur Verbesserung der Lage der Vertriebenen hat ihr Zusammenschluß in Organisationen [Z.v.D; B.d.H. und B.H.E.] beigetragen, die allerdings mit zunehmender Eingliederung an Bedeutung verlieren. Bedeutungsvoller für die Zukunft scheinen aber die Landsmannschaften [Schlesier, Pommern, Ostpreußen] zu sein, we1che die Bräuche und Sitten der alten Heimat pflegen und dafür sorgen, daß der Gedanke an die ihnen geraubte Heimat im Osten nicht verloren geht. Wenn heute nach einem Jahrzehnt mancher Einheimische neidvoll seine Neubürger schaut, die fast, den gleichen Lebensstandard mit ihnen erreicht haben, so möge er doch bedenken, daß bis jetzt mir wenige von ihnen in den Besitz von Grund und Boden und zu ihrem früheren Wohlstand gekommen sind [1956].


Heimkehr aus Gefangenschaft


  • Von den Schrecken des letzten Weltkrieges [1939 – 1945] hat sich die Gemeinde Essen verhältnismäßig rasch erholt. Nach dem Währungsschnitt 1948 begannen sich auch bei und das "deutsche Wunder" auszuwirken, dessen Wurzeln in der Tatkraft und in dem Selbstbehauptungswillen des Volkes liegen. Aber noch immer schmachteten tausende von jungen Menschen in fremden Ländern in schmachvoller Kriegsgefangenschaft. Amerikaner, Belgier, Engländer, Franzosen und Holländer gaben in den Jahren 1945 - 1948 dem größten Teil der Gefangenen die Freiheit zurück, während Sowjet - Russland den eisernen Vorhang zehn Jahre lang fest geschlossen hielt und unsere Soldaten, die doch nur ihre Pflicht gegenüber ihrem Vaterlande erfüllt hatten, zu unwürdiger Zwangsarbeit in allen Teilen der Sowjetunion verurteilte. Wie viele von ihnen ihr junges Leben in den Wäldern, Eiswüsten, Bergwerken und Lagern Rußlands, Sibiriens und des Urals lassen mußten, wird wohl kaum jemals genau festgestellt werden können.
  • Unserem Bundeskanzler Adenauer ist es zu verdanken, daß 1955 nach seinem Besuch in Moskau die Fesseln gesprengt und unsern in Rußland festgehalten Söhnen die Freiheit wiedergegeben wurde. Als erster Gefangener aus dem Kreise Cloppenburg kehrte am 18. Oktober 1955 Alfred Mairan aus Uptloh aus russischer Gefangenschaft in seine alte Heimat zurück. 1934 war er, der schon früh seine Eltern verloren hatte, von der Familie Maurermeister Wilhelm Schmidt Uptloh, als Ferienkind aufgenommen worden. Sie gewann den schmächtigen Jungen lieb und schuf ihm in Uptloh eine neue Heimat. 1942 wurde er zum Militär eingezogen, wo er bei seinen Kameraden wegen seines goldenen Humors bekannt und beliebt war. Zwei Jahre später geriet er in Gefangenschaft und arbeitete zuletzt in einem Kupferbergwerk am Ostrand des Ural im Gebiet von Swerdlowsk.
  • Am 18. Oktober 1955 traf er auf dem Hauptbahnhof in Oldenburg ein, wo er von der Bevölkerung und dem Heimkehrerverband herz1ichst begrüßt wurde. Am Nachmittag bereitete ihm unter dem Geläute aller Glocken seine Heimatgemeinde einen festlichen Empfang. Bürgermeister Moormann entbot dem glücklichen Heimkehrer auf dem Bahnhofsvorplatz einen herzlichen Willkommensgruß und überreichte ihm neben einem prachtvollen Blumenstrauß einen Präsentkorb und einen inhaltsschweren verschlossenen Briefumschlag. "Wir glauben gern", sagte der Bürgermeister, "daß es eine schwere Zeit hinter Stacheldraht gewesen ist und die Gemeinde wird alles daran setzen, diese böse Zeit vergessen zu lassen." Im Namen des Heimkehrerverbandes begrüßte Kreisvorsitzender von Höfen den Heimkehrer und bat ihn, mit allen An1iegen vertrauensvoll zum Verband zu kommen, damit er den Weg in die Freiheit zurückfinde. Weitere Glückwünsche überbrachten Pfarrer Kruse und Kantor Gräulich. Blumengeschmückt und unter dem Geläut der Glocken von Essen und Bevern, im Geleit von achtzehn Wagen, traf Alfred Mairan jetzt die Fahrt zum heimatlichen Hofe an, dessen Eingang die Nachbarn mit Girlanden geschmückt hatten. Am Abend bereitete ihm der Heimatverein ein Ständchen und versprach ihm volle Einkleidung. Die Ehrungen machten auf den Heimkehren einen tiefen Eindruck und wenn auch die Strapazen der dreizehn Leidensjahr ihre Spuren eingegraben hatten, so fand er sich doch rasch in die neue Lage.


  • Quellen:
  • Private Recherchen.
  • Heimatarchiv
  • Herr Heinz Strickmann
  • Herr Heinrich Bockhorst
  • Die Unterlagen stehen zur Verfügung.
  • digitalisiert und aufgearbeitet H. Bruemmer
Ansichten
Persönliche Werkzeuge