Lutherische Zeit in Essen 1534 - 1613
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Lutherische Zeit in Essen 1534 - 1613
Einführung der neuen Lehre
Wie überall in Deutschland, so hatten auch im Amte Cloppenburg die verwirrten politischen Verhältnisse und vor allem die Unwissenheit und die verfallene Zucht der Geistlichen den Lehren Luthers Vorschub geleistet, allerdings vorerst ohne sichtbaren Einfluß. Das änderte sich, als Bischof Franz von Münster und Osnabrück als geistlicher und weltlicher Herr Südoldenburgs die neue Lehre nach einem einheitlichen Plan von oben her einzuführen versuchte. Er sandte den "Mester Hermann Bonnius" [Hermann Bonn, geboren in Quakenbrück, zu der Zeit Superintendent in Lübeck] "tor Reformerung der Prester" 1543 nach dem Niederstift Münster, um dort eine neue Kirchenordnung einzuführen. Zweimal war Bonnius dort, einmal in Begleitung des Bürgermeisters und des Kämmerers von Osnabrück, wo er bereits im Namen des Herrn; die Reformation durchgesetzt hatte, das andere Mal in Begleitung des Zöllners von Osnabrück. Die Reisekosten zahlte die Amtskasse. Vorher hatte er eine schrift1iche Aufforderung, die noch erha1en ist, an seine Amtsleute in Cloppenburg und Vechta geschickt, für den Juli 1543 sämtliche Pastoren ihrer Ämter nach Vechta zu berufen. Dort sollten die Geistlichen dann von Hermann Bonnius die nötigen Anweisungen für die Einführung der neuen Lehre erhalten. Wohlweißlich hatte der Bischof nicht auf eine grundsätzliche Durchführung der Reformation gedrängt, um auf diese Weise dem unwissenden Volke den Übergang zu erleichtern.
Der äußere Schein des katholischen Kultus wurde daher in der neuen Ordnung vielfach beibehalten. "Alba, Meßgewand und Lichter bleiben um des Volkes willen" heißt es, "aber um die rechte Freiheit zu beweisen, soll den Kranken das Abendmahl in gewöhnlicher Kleidung gereicht werden." Es wurde wie bisher Beichte gehört aber nicht als notwendig bezeichnet zur Vergebung schwerer Sünden.
Auch das Hochamt wurde einstweilen beibehalten. Diejenigen Geistlichen, welche das Amt verrichteten, nannten sich Priester oder Pastor, diejenigen aber, welche sich auf das Predigen beschränkten, Prädikanden. Der neue Glaube setzte sich ohne nennenswerten Widerstand durch, weil die niedere Geistlichkeit unfähig war, ihm mit Erfolg entgegenzutreten und weil der Adel und die überwiegend aus seinen Reihen stammenden Beamten die neue Lehre auf jede Weise förderten.
Von den vier Essener Adeligen werden 1613 alle als lutherisch bezeichnet
Hermann von Bockroden auf Calhorn,
Jasper von Akwede auf Arkenstede,
Hilmar von Lutten auf Lage und von
Grothaus auf Vehr.
1651 werden die fünf Adeligen [Arkenstede war vorher in Groß- und Klein-Arkenstede geteilt worden an die Besitzer Otto Kobrink und Adam von Langen] als "unkatholisch" aufgeführt. 1669 wird ein Adeliger katholisch genannt, jedenfalls Konrad Friedrich von Dinklage auf Calhorn, ein Sohn des lutherischen Otto von Dinklage, der die katholische Sophie Brawe vom Hause Diekhaus geheiratet hatte und deren Kinder katholisch waren. Die Geistlichen, die zum Luthertum übertraten, erhielten neben anderen Vorteilen die Erlaubnis zum Heiraten und Befreiung von der geistlichen Gerichtsbarkeit. Auch die Tatsache, daß die Gläubigen die Gelegenheit benutzten, um sich der Leistungen und Verpflichtungen an die Kirche zu entledigen, mag manchen Geistlichen zum Glaubenswechsel veranlaßt haben.
Protestantische Prediger in Essen.
Das Kloster Malgarten, dem das Benutzungsrecht über die Essener Pfarre zustand, präsentierte nur katholische Priester. Als der Protestantismus sich in Essen immer mehr ausbreitete, erklärte sich Malgarten stillschweigend damit einverstanden, daß der jeweils präsentierte und "de rite" eingeführte Geistliche den Gottesdienst nach Wunsch und Willen der Adeligen und der Eingesessenen verrichtete oder, wenn er dazu nicht bereit war, resignierte oder die Steile durch einen 1utherischen Vizekuraten verwalten ließ.
So fügte sich der Pastor Johann von Halen, der 1577 bei Antritt seines Amtes noch katholisch war, dem Willen der Adeligen und verwaltete die Pfarre im lutherischen Sinne, so das ihn ein 90-jähriger Essener, Heinrich Klaphake, 1661 den ersten lutherischen Pastor in Essen nennt. Klaphake erwähnt bei dieser Gelegenheit auch, daß er sich eines katholischen Pastors Thole von Höhne erinnere, der ihn noch katholisch getauft habe, in dessen letzten Jahren aber alles zu Essen lutherisch gewesen sei[um 1570]. Ein Pastor dieses Namens findet sich aber nirgends verzeichnet, da um diese Zeit Tebbert Hoven in Essen als Vizekurat oder mercenarius angestellt war, der für den von Malgarten eingeführten Pastor die Pfarrstel1e verwa1tete und daher vom Vo1ke Pastor genannt wurde. Der alte Klaphake hat jedenfalls den Namen falsch wiedergegeben. Dieser Tebbert Hoven, der etwa von 1551 -1576 in Essen angestellt war, muß ein zwiespältiger Charakter gewesen sein. In einem Schriftstück vom 23. September 1561 wird er als der "würdige und fromme Herr Tebbert Hoven, „yts Prediger Gotz Words to Essen" bezeichnet, während Willoh von "seinem ausschweifenden Lebenswandel" berichtet. 1562 erhob Hille Meinarts von Uptloh Klage gegen ihn [den Pastor von Essen], wegen erhobenen Besitzanspruches an die von ihrem Vater hinterlassene Kotte als angebliche Leibzucht des St. Bartholomäus-Erbes der Kirche zu Essen. Am 08. Juli 1874 machte Tebbert Hoven sein Testament, über das ein langwieriger Prozeß zwischen den Verwandten des 1576 verstorbenen Pastors und dessen früherer Haushälterin Nese Villerfrank entstand, mit der dieser in wilder Ehe gelebt und die er in seinem Testamente zur Haupterbin eingesetzt hatte.
In der lutherischen Zeit haben nach Willoh [Geschichte der katholischen Pfarreien, Band IV] acht Pastoren in Essen gewirkt:
1. Gerhard Hoven [1524 – 1548]. Ober er als letzter katholischer Priester 1543 die Schwenkung mitgemacht hat, kann nicht gesagt werden, da er ja einen "merzenarius" halten und selbst katholisch bleiben konnte. Nach seinem Tode erhielten drei Geistliche nacheinander die Präsentation für die vakante Stelle vom Kloster Malgarten, von denen
2. Bernard Schmelten, Priester der Diözese Osnabrück, 1548 die Pfarrstelle erhielt, während die beiden anderen zu seinen Gunsten verzichteten.
3. Joachim Vette. Er resignierte 1561 auf sein Benefizium zugunsten des schon erwähnten Tebber Hoven, ohne daß wir den Grund erfahren und auch nicht wissen, ob sein Vorgänger abgedankt oder gestorben ist.
4. Bernard Scharphuis, Priester der Diozöse Münster, eingeführt am 31.12.1562 [die kirchlichen Handlungen während seiner Zeit und der seiner beiden Vorgänger führte Tebbert Hoven als lutherischer Vizekurat aus].
5. Johann von Halen, Priester der Diozöse Osnabrück, bisher Saccelan in Malgarten, 03. Mai 1577 von Malgarten zum Pastor ernannt, gestorben 1594.
6. Ptolomäus Schlingmann, bislang Kaplan in Krapendorf, ernannt 07. Juni 1594. Er war verheiratet und hatte mehrere Kinder, wie aus einem Bild ersichtlich ist, das bis zum Abbruch in der alten Essener Kirche hing und die Kreuzigung Christi darstellte. Vor dem Kreuze kniet ein Ehepaar mit zwei Kindern [die Familie des Predigers Schlingmann] über ihn, sowie über seinen Nachfolger
7. Wessel Kannegeter oder Kannegießer berichtet der Aufsatz "Streit um den Gosekamp"]. Kannegeter war bis zu seiner Ernennung Kaplan in Essen und heiratete die Witwe des verstorbenen Predigers Schlingmann.
8. Johann Mo1an, 1etzter 1utherischer Pastor in Essen , hatte zwar die Priesterweihe empfangen, war dann aber protestantisch geworden und hatte geheiratet . In der Ma1gartener Chronik heißt es über ihn; "Johannes Molanus, gen. Schelten, Rektor der Pfarrkirche in Essen, schwört, nichts von der Pfarrstelle veräußern zu wo11en, gelobt Gehorsam der Domina und will die alten Gebräuche der katholischen Kirche beobachten, aber so, wie es jetzt Mode ist. "Das heißt also: "Lutherisch predigen, lutherisch die Sakramente spenden und dann sagen, das sei echt katholisch!" Fürwahr, eigenartige Zustände, zu denen auch Malgarten seinen Segen gab.
Wiederherstellung der katholischen Lehre
Nach der Niederlage der evangelischen Fürsten und veranlaßt durch die Anklage des Papstes Paul III. und des Osnabrücker Domkapitels hatte Fürstbischof Franz schon 1540 die Kirchenordnung des Johann Bonnius aufgehoben und versprochen, die katholische Lehre zu schützen. Aber im Münster1ande b1ieb es nicht nur beim a1ten, sondern die Lehre Luthers drang noch weiter vor. War doch ihr geistlicher Herr, der Bischof von Osnabrück, rein Anhänger Luthers und die aus dem Adel stammenden höheren Beamten des Niederstifts besaßen das vom Reiche verbriefte Recht, ihrem Glauben treu bleiben zu dürfen. Sie setzten auch weiterhin ihren Einfluß für das Luthertum ein und daher scheiterte auch die vom Fürstbischof Ernst [1585 – 1612] angestrebte Wiederherstellung des katholischen Glaubens an dem Widerstand Osnabrücks.
Da es also in unserer Gegend an einer festen kirchlichen Ordnung fehlte, wurde die sittliche Verwilderung immer größer, obwohl um die Jahrhundertwende immer wieder Versuche zur Herbeiführung besserer Zustände gemacht wurden. Das änderte sich, als Fürstbischof Ferdinand, Erzbischof von Köln, an die Spitze des Bistums Münster trat. Anfang 1613 erließ er ein sogenanntes Reformationsdekret, in dem er seinen energischen Willen zum Ausdruck brachte, die katholische Religion wieder herzustellen. Die Grundsätze, nach denen er verfahren wollte, richteten sich nach dem im ganzen Reiche damals praktisch gehandhabten Rechtsgrundsatz "Cujus regio, illius est religio!" Sie waren in dem Sinne gehalten, wie sie oft noch in viel härterer Weise von protestantischen Landesherren den katholischen Untertanen gegenüber angewandt wurden. Nach geschickter Einigung mit dem Osnabrücker Domkapitel beauftragte der Fürstbischof seinen Generalvikar Dr. Hartmann, der seinem Herrn über die traurigen kirchlichen Verhältnisse im Niederstift Münster berichtet hatte, die bestehenden übel stände zu beseitigen. Er legte dem Generalvikar den zusätzlichen Titel bei "Apostolicae Sedis per satrapis Embslandiae diöcesis Osnabrugensis, dominici vero temporalis Monasteriensis Commerarins." Mit großem Eifer, aber auch mit rücksichtsvoller Umsicht unterzog sich Dr. Hartmann seiner unangenehmen und schwierigen Aufgabe. Er hatte bereits festgestellt, daß es im ganzen Amtsbezirke keinen katholischen Geistlichen mehr gab und aus dem Bereiche der Diözese standen ihm nur wenige Kräfte zur Verfügung. Lange Jahre hat daher unsere Heimat unter Mange1 an guten katho1ischen Geistlichen leiden müssen. Notgedrungen ließ er die lutherischen Geistlichen im Amte, wenn sie versprachen in den Schoß der katholischen Kirche zurückzukehren. Ja, in verschiedenen kleineren Kirchspielen durften die Geist1ichen weiterhin lutherischen Gottesdienst abgehalten, wenn sie versprachen, in ihren Predigten nicht die katholischen Lehren verächtlich zu machen. Dr. Hartmann ging dabei von dem Gedanken aus, daß es nicht gut sei, die Gläubigen ohne religiöse Übungen zu lassen, "damit sie nicht ganz und gar die Furcht Gottes und alle Religion vergessen!" Wegen Mangel an katho1isehen Weltgeistlichen wurden in verschiedenen Kirchspielen Jesuiten von Meppen und Vechta aus zur Missionstätigkeit herangezogen.
Wie aus den Protokollen hervorgeht die im Bischöflichen Generalvikariat aufbewahrt liegen, begann Dr. Hartmann seine Visitationsarbeit am 23. März 1613 mit einer Bereisung der Hauptorte des Niederstifts.
Bei dieser Gelegenheit wurden die Prädikanten von Bocklo, Haselünne, Löningen, Krapendorf und Vechta ihrer Ämter enthoben. Am 24. Oktober finden wir ihn in Löningen, wo der den Priester Hugo von Bachumb als neuen Pastor einsetzte. Dann reiste er nach Cloppenburg, wo er Jodokus Meyeringh als Pastor von Krapendorf einführte. Für sieben Tage nahm er seinen Wohnsitz auf der Burg und am 04. November berief er alle Prediger des Amtes dort hin. Unter den Erscheinenden befand sich auch Johannes Molan, der letzte Prediger von Essen. Ihm wurde bedeutet, er könne als Pastor in Essen verbleiben, worin er seine Frau entlassen und zum katholisehen Glauben zurückkehren wolle. Dazu erklärte sich Molan bereit. Als Dr. Hartmann jedoch am folgenden Tage nach Essen kam, hatte Molan sich eines anderen besonnen. Er hatte sogar die Gemeindeeingesessenen auf seine Seite gebracht und lehnte die Forderungen des Generalvikars ab, so daß dieser ohne Erfolg abziehen mußte. Im folgenden Jahre wurde der Prediger abgesetzt und Konrad Grüther, ein Priester aus der Diözese Osnabrück, auf Präsentation der Äbtissin von Malgarten zum Pastor von Essen eingesetzt. Nachträglich wurde gegen Molan eine Untersuchung wegen Verschleuderung der Kircheneinkünfte angestellt, deren Resultat aber nicht mehr vorliegt. Vielerorts haben die ersten neuberufenen Geistlichen einen dornenvollen Weg gehen müssen. Man muß wohl bedenken, daß die Menschen unserer Heimat 1544 Lutheraner geworden waren, ohne es zu bemerken, daß sie aber jetzt, als sie öffentlich zur katholischen Lehre zurückgeführt werden sollten, nach zäher Niedersachsenart am Glauben ihrer Väter festhielten und den Geistlichen jeden nur möglichen Widerstand entgegensetzten.
Viele kamen weder zur Predigt noch zur heiligen Messe und nur wenn sie notgedrungen den Hirten zur Kindtaufe, zur Einsegnung der Ehe oder zur Beerdigung ihrer Angehörigen gebrauchten, fanden sie den Weg zu ihm. Große Abneigung bewiesen unsere Vorfahren bei Wiedereinführung der katholischen Lehre der Spendung der letzten Ölung wie der Sterbesakramente überhaupt. Mancher Geistliche fand erst Zugang zu den Familien durch Besuche der alten und erkrankten Leute, die sich am ehesten nach geistigem Zuspruch sehnten. Beim zweiten Besuch Dr. Hartmanns im Münsterlande stand ihm im Bekehrungswerke der kluge Domprobst Otto von Dorgelo, gebürtig aus Bretberg bei Lohne, zur Seite, der sechs Jahre lang am Deutschen Kolleg in Rom studiert hatte und der vor allem den Widerstand der Magistrate und der Adeligen zu überwinden suchte. Trotz des anerkennungswerten Eifers und der Mühe, mit der Dr. Hartmann sein Erneuerungswerk begann, ging die Rekatholisierung nur langsam von statten, weil fünf Jahre nach Beginn dee unselige 30-jährige Krieg seinen Anfang nahm, welcher der bedrängten Bevölkerung ganz andere Probleme in den Vordergrund schob. Vor allem waren es jetzt die Adeligen, welche die Gegenreformation zu hemmen suchten. Als Mitte 1635 der schwedische General Baudissin auf Anhalten einiger unruhiger Leute den Pastor Johannes Brand von Essen, der von Malgarten präsentiert worden war, seines Amtes entsetzte, schob die Domina Barbara von Schlepegrell die Schuld auf ihren Verwandten, den Adeligen Heinrich von Lutten auf Gut-Lage. Wie die lutherischen Adeligen während der lutherischen Zeit und auch später den Gottesdienst zu beeinträchtigen versuchten durch provozierende Aufstel1ung ihrer Kirchenstühle und anderer Schikanen ist im Aufsatze "Die alte Kirche in Essen" näher erklärt. Auf den adeligen Gütern in den Ämtern Vechta und C1oppenburg fanden die vertriebenen die lutheranischen Geistlichen gern Aufnahme, so das wie auf Gut Lage der Kern einer lutherischen Gemeinde erhalten blieb. Nicht nur, daß die Gutsbesitzer selbst am neuen Glauben festhielten, sie hielten auch eigenen Hofprediger, die auch in der Umgegend heimliche Seelsorge ausübten. So strömten an den Sonntagen die Protestanten nach Lage, um dem hinter verschlossenen Türen abgehaltenen Gottesdienst beiwohnen zukönnen. Auf diese Weise hat sich bis in unsere Tage auf Lage und im benachbarten Wulfenau der Protestantismus erhalten dank der Stütze, die sie durch ihren Gutsherrn erhielten.
Quellen
- Niemann - Das Oldenburger Münsterland
- Heinrich Bockhorst - Manuskript
- Willoh - Band IV
- Heinz Strickmann
- aufgearbeitet h. br.