Geschichte der Kreuz-Reliquien in Essen
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Zur Geschichte der Kreuz-Reliquien in Essen
Das Fest Kreuz-Erhöhung steht in den Pfarrgemeinden Dinklage, Oythe, Löningen und Essen in besonderem Ansehen. Sie alle besitzen eine Reliquie vom Kreuzesholze Christi. Essen darf sich rühmen, sogar zwei Kreuzpartikel sein Eigen nennen zu dürfen. Die eine wird im Krankenhause, die andere in der Pfarrkirche aufbewahrt.
Der ehemalige Vikar und Krankenhausseelsorger Alwin Bokern (Bösel) entdeckte zu seiner Zelt die Kreuzreliquie des Krankenhauses zugleich mit einer Urkunde, die von der Echtheit der Reliquie zeugte, wohl verwahrt in einem Schrank. Niemand wußte um die Herkunft. Er ließ ein silbernes Kreuz anfertigen, worin die Reliquienkapsel aufbewahrt wird.
Die Eröffnungsfeier der Verehrung der Kreuzreliquie war ein Festtag für das ganze Leo-Stift. Seitdem wird die Kreuzreliquie bei allen passenden Gelegenheiten in der Kapelle zur Verehrung ausgestellt.
Die Reliquie, welche in der hiesigen Pfarrkirche aufbewahrt wird, ist das Eigentum der Familie Gastwirt Schwegmann in Essen und muß laut Urkunde auch in derselben verbleiben. Zur Verehrung ist sie im Jahre 1940 der katholischen PfarrfamiIie von Essen bis auf weiteres überlassen worden.
Ueber die Erwerbung dieser Reliquie weiß die Gemeinde aus Schriften u. durch mündliche Überlieferung interessante Einzelheiten zu berichten:
Ein naher Verwandter der hiesigen Geschwister Schwegmann, Bernhard Schwegmann aus Schwege bei Dinklage, wurde schwer krank. Er machte das Gelübde, nach Rom und zum hl. Lande wallfahrten zu wollen, wenn Gott ihm die Gesundheit wieder schenken wolle. Sein Gebet wurde erhört. Er genas, aber die Erfüllung seines Versprechens lag nun drückend auf seiner Seele. Er bat die bischöfliche Behörde, seine beschwerliche Wallfahrt in ein Geldopfer umwandeln zu wollen. Sein Gesuch wurde abgelehnt.
Weil es an Verkehrsmöglichkeiten fehlte, trat er 1858 zu Pferde die weite Reise an. In dem Baron Ostmann von Leye aus Ewersburg fand er einen treuen Reisebegleiter. Wiederholt mußten auf der Strecke bis Rom die Pferde gewechselt werden. Glücklich kamen sie in der hl. Stadt an. Dort trafen sie einen Missionspater, dem sie einen großen Dienst erwiesen. Zum Danke dafür versprach er jedem eine Kreuzpartikel nebst Urkunde, die er Ihnen durch Vermittlung eines römischen Erzbischofs nach ihrer Rückkehr vom hl. Lande überreichen werde.
Die Reise wurde zu Schiffe fortgesetzt. Auch ihre Pferde mußten mit verladen werden. Unter großen Opfern und Entbehrungen erreichten sie Ihr Ziel. Groß war aber auch die Freude, als ihr Fuß jene Stätten berührte, wo ihr Herr und Heiland einst gelebt und gelitten hatte, und wo er gestorben war. Zum Andenken nahmen sie Wasser aus dem Jordan, Sand vom Oelberge und Blumen und andere Pflanzen von Golgatha mit. Auf der Rückreise empfingen sie in Rom die versprochenen Kreuzreliquien und Urkunden und setzten zu Pferde die Rückreise fort.
In Eversburg bei Osnabrück steht heute hoch eine Kapelle, die der genannte Baron zur Verehrung seiner Kreuzreliquie erbauen ließ. Leider kam der Familie Schwegmann die ursprüngliche Urkunde abhanden. Pfarrer Weiß und Bürgerschulrektor Pille kannten den Inhalt der Urkunde. Im Jahre 1904 beglaubigte Pille zu Dinklage in einem Handschreiben, er habe die verlorene Urkunde selber gelesen, und gab auch den Inhalt mit eigenen Worten wieder.
Bernhard Schwegmann, der Eigentümer der Reliquie, war schon 1902 in Pretoria (Südafrika) gestorben. Dort hatte er als ausgezeichneter Kaufmann von einem Deutschen ein großes Hotel erworben. Im Burenkrieg wurde er mit seiner Familie ausgewiesen. Er nahm u.a. auch seine wertvollen Landschaftsbilder, die er selbst gemalt seine kostbare alte Geige, worauf er als großer Musiker so gern gespielt, und eine Unmenge Geweihe von wilden Tieren, die er in Afrika selbst erlegt hatte, mit nach Dinklage. Nach Beendigung des Krieges kehrte er mit seiner Tochter Elisabeth (die später einen Holländer heiratete) nach Pretoria zurück, um sein rechtmäßiges Eigentum wiederzuerlangen, aber dort erwartete den großen Sohn der Gemeinde Dinklage nur noch der Tod. In fremder Erde wurde er neben seiner ersten, längst verstorbenen Gattin zur letzten Ruhe gebettet.
Die genannten Gegenstände, die er mit Mühe aus Afrika herübergerettet hatte, wurden seinem Bruder Heinrich in Essen überlassen. Heute dient manches seiner Gemälde, manches herrliche Geweih hier den neuen Gastzimmern zur Zierde.
Mit der Reliquie aber, die auch im Besitz der hiesigen Familie war, reiste der damalige Vikar Grafenhorst von Essen (jetzt bischöflicher Offizial), zum Hochwürdigsten Bischof Clemens August von Münster. Der Bischof stellte nach gründlicher Untersuchung fest, daß die Reliquienkapsel unversehrt und noch mit dem erzbischöflichen Siegel versehen war. Wenn auch die Urkunde leider fehlte, dieselbe, die die Kreuzpartikel in Eversburg heute noch besitzt, so verließ sich der Bischof doch auf das Schriftstück des Rektors Pille aus Dinklage, den er selbst als ehrenwerten, unbedingt glaubwürdigen Mann gekannt hatte. So stellte er eine neue Urkunde aus und versiegelte die Reliquienkapsel neu mit seinem bischöflichen Wappen. Seitdem darf die Reliquie in allen Kirchen und Kapellen öffentlich zur Verehrung ausgesetzt werden.
Am Sonntage nach dem Feste Kreuzerhöhung im Jahre 1940 fand in der Nachmittagsandacht die feierliche Eröffnung der Verehrung der Kreuzreliquie in der hiesigen Kirche statt. Ein größeres schwarzes Kreuz trug in seiner Vierung auf roter Seide das kleine gelbmetallene Reliquiar mit dem Kreuzpartikel. Vor der Kommunionbank war ein roter Altar hergerichtet, auf dem die Kreuzreliquie ausgesetzt wurde. Als dann das ergreifende „Ecce lignum crucis" aus der Karfreitagsliturgie in dreimaliger Tonsteigung von den Liturgen gesungen wurde, da beugten alle in ergriffender Andacht die Knie vor der Wirklichkeit des Kreuzes Christi, die mehr ist als nur Symbol.
Es lag ein gewisser schwerer Ernst in der Stimmung der ersten Feier dieser „Kreuzerhöhung" - schwer, weil auch in schwerer Zeit. Und doch leuchtete und klang aus dem Rot der Gewänder und Blumen, dem packenden Orgelspiel, aus dem machtvollen Volksgesang, kurz, aus der großen Begeisterung der Gemeinde eine verhaltene Freude über das Gnadengeschenk Gottes gerade in der ernsten Zelt des zweiten Weltkrieges. „Siehe, durch das Holz des Kreuzes kam Freude in die ganze Welt“, so sangen ja auch die Liturgen in der schönen Antiphon vom Karfreitag.
In seiner Predigt berichtete Pfarrer Kruse seinen Pfarrkindern die Geschichte des Kreuzes Christi und der Kreuzreliquie, und verlas die Urkunde. Den Höhepunkt der Feier bildete darauf die Prozession mit der Kreuzpartikel durch die Kirche. So zog das Kreuz Christi durch die Reihen seiner Gläubigen und Verehrer wie einst bei der ersten Kreuzerhöhung. Dann erhob der Priester zum ersten Male das Kreuz zum Segen über die ganze Gemeinde, daheim und im Felde und über den Spender der kostbaren Reliquie im fernen Afrika.
Quelle:
Bericht abgeschrieben aus dem 1958 erschienen „Volkstum und Landschaft“ Nummer 42, 19. Jahrgang, kein Name.
Heimatblätter der Münsterländischen Tageszeitung - Seite 8,
Beilage zur Münsterländischen Tageszeitung
Druck und Verlag: Insieke Cloppenburg
Aufgearbeitet v. H. Brümmer