Freistaat Oldenburg 1918 - 1933

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Freistaat Oldenburg 1918 - 1933


I. Im Reiche

  • Nach dem verlorenen 1. Weltkriege brach im November 1918 in Deutschland die Revolution aus und fegte die im Reiche bestehenden Fürstenregierungen fort. Kaiser Wilhelm II. floh nach Holland und aus den alten Bundesländern wurden Freistaaten. Viele Bindungen an die alten Dynastien wurden somit frei und in mancher Hinsicht konnten sich die neuen demokratischen Staaten freier entfalten. In wirtschaftlicher Hinsicht aber wurde die neu gewonnene Freiheit gehemmt durch den Druck der Feindmächte auf das besiegte Deutschland, das zu hohen Abgaben gezwungen wurde. Die alte Generation ist sich noch des ständig zunehmenden Druckes bewußt, der 1921 fühlbar wurde und bis zu 1927 zur Inflation führte.
  • Der Wert der früher so stabilen Mark sank von Jahr zu Jahr und zuletzt rechnete man sogar mit Billionen Mark. Die finanzielle Notlage legte sich lähmend auf fast alle Stände.
  • Die Bauern, bei uns die Haupt Steuerzahler, konnten ihren steuerlichen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen, Handwerker und Kaufleute erhielten ihre Leistungen gar nicht oder verspätet bezahlt und die Zahlungen der Gehälter gerieten ins Stocken und wurden gekürzt. Die Lebensmittel verteuerten sich, die Viehpreise sanken und der Wohnungsmangel machte sich bemerkbar, da die Mittel zu Neubauten fehlten. Die Flut der Papierscheine, mit denen die Regierung die Not zu decken suchte, nahm ständig zu.
  • Bahn- und Posttarife, Löhne und Gehälter mußten erhöht werden und die deutsche Mark wurde mehr und mehr zum Spielball der Spekulation. In der Politik wirkte sich der Niedergang der Wirtschaft in heißen Kämpfen zwischen Zentrum und Linksparteien einerseits und den Rechtsparteien als Gegner der Erfüllungspolitik aus. Eine Folge der Notlage waren die vielen Zwangsverkäufe von Höfen und Konkurse [auch in unserer Heimatgemeinde], die zunehmende Zahl der Arbeitslosen, denen der Staat durch Unterstützung zu helfen suchte. 1927 rief der am 26.04.1925 gewählte Reichspräsident von Hindenburg öffentlich zu äußerster Sparsamkeit auf. Trotzdem wäre Deutschland in eine elende Misere versunken, wenn sich nicht Männer mit Staatsbewusstsein [Helferich und Dr. August Crone-Münzehrock] durch Schaffung der Roggen- und Rentenmark für eine neue und feste Währung eingesetzt hätten. Obwohl der Dawes- und Youngplan in der Zahlung der Kriegslasten der Bevölkerung eine wesentliche Erleichterung brachte, verstand es Adolf Hitler und die vom ihm gegründete NSDAP die Notlage weidlich auszunützen und ihren Stimmenzuwachs von Jahr zu Jahr zu steigern, bis endlich am 31.01.1933 der greise Reichspräsident den Gefreiten des Weltkrieges, Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannte.


II. Im Lande Oldenburg

  • Unter der Regierung der Großherzöge von Oldenburg hatte das Münsterland glückliche Zeiten einer gesunden Aufwärtsentwicklung erlebt, bis der traurige Ausgang des ersten Weltkrieges dem Lande eine neue Regierungsform brachte. Im November 1918 dankte Großherzog Friedrich August [gest. am 24.05.1931] für sich und die erbfolgeberechtigten Angehörigen seines Hauses ab, "um Unheil vom oldenburgischen Lande fernzuhalten."
  • Seine letzte Willenskundgebung war, daß er durch das Staatsministerium das Volk dringend bat, sich in das Unabänderliche zu schicken und die Ruhe zu bewahren. Unter dem von Wilhelmshavens Sozialdemokraten kommenden Druck des Arbeiter- und Soldatenrats, der im Besitz der Waffen war, wurde die alte Verfassung aufgehoben und ein Freistaat ins Leben gerufen. Der Obersteiger Kuhnt warf sich für kurze Zeit zum Präsidenten des neuen Freistaats auf und bildete eine provisorische Regierung. Dabei blieb der 1916 gewählte oldenburgische Landtag bestehen. Das in unserer Heimat bald wieder geordnete Verhältnisse einkehrten, dafür sorgten die alten Beamten und Parlamentarier wie Minister Scheer, Obergerichtsrat Driver, Oberbürgermeister Paul Hug und Theodor Tantzen, die den Staatsapparat in Gang hielten. Am 23.02.1919 fanden die Wahlen zur verfassunggebenden oldenburgischen Landesversammlung statt, zu der u.a. aus Essen Frau Brand berufen wurde. Richtunggebend arbeitete in diesem Gremium der Jurist und Abgeordnete Franz Driver an dem Entwurf einer Verfassung mit, in dem es ihm gelang, die christlichen Kulturgüter, die religiöse Freiheit und die rechtliche Stellung der Kirchen und die konfessionelle Schule zu sichern. Nach vier Monaten harter Arbeit wurde die neue Verfassung am 17.06.1919 verabschiedet. In dem sofort gebildeten Kabinett Tantzen übernahm Franz Driver das Ministerium der Finanzen. Er war der erste Katholik im Lande, der Minister wurde und schon darin zeigte sich die größere Freiheitlichkeit des neuen Staates. In der Folgezeit war er Staatsminister verschiedener Ressorts, zeitweise auch stellvertretender Ministerpräsident.
  • Im Vordergrunde stand bei ihm als Leitgedanke die Notwendigkeit einer christlichen Politik und die Stärkung des christlichen Einflusses im Leben des Volkes und Staates. In seine Zeit fallen die schweren wirtschaftlichen und politischen Erschütterungen der zwanzig Jahre, von denen auch das Münsterland nicht verschont blieb.
  • Überall, auch in Essen, fanden sich die Bauern zu Protestversammlungen gegen die hohen Steuerlasten, gegen die Minister- und Beamtengehälter u.a. zusammen, auf denen Dr. gr. Beilage als Sprecher der Bauern auftrat und die zuletzt zu einer allgemeinen Landesprotestversammlung in Oldenburg führten. Trotz der oben gezeichneten Notlage hat die freie Initiative der landwirtschaftlichen Bevölkerung in der Zeit, als Oldenburg Freistaat war, hervorragende koloniale Erfolge gezeitigt. Weite Heide- und Moorgebiete besonders im Amte Cloppenburg, deren Kultur um die Jahrhundertwende eingesetzt hatte, wurden in fruchtbares Land verwandelt. Folgende Neusiedlungen [in Klammern die Zahl der Stellen] entstanden von 1918 - 1933:
  • Elstenermoor (9),
  • Falkenberg (ca. 20),
  • Peterswald (13),
  • Calhorn (18),
  • Ehren und Bunnen (6),
  • Edewechterdamm (12),
  • Carolinenhof (9),
  • Lohe (5),
  • Glaßdorf (27),
  • Westerloh (7),
  • Scharrelerdamm (14) und
  • Sedelsberg (37.
  • Außerdem wurden unter Mitwirkung des Siedlungsamtes, dem die vorgenannten Siedlungen zu verdanken sind, zahlreiche Einzel Siedlungen angelegt. Darüber hinaus wurden in vielen Gemeinden, auch in Essen, an unternehmungslustige Siedler Wegerdeplacken und Lehmstiche als Bauplätze billig vergeben, so daß vielerorts die Wohnungsnot wesentlich vermindert werden konnte. Was die persönliche Initiative besonders der neuen Moor- und Heidesiedlungen im Amte Cloppenburg vollbracht hat, zeigt sich auch in dem Bau von zehn neuen Kirchen und Kapellen und fünfzehn neuen Schulen [alle 1918 - 1933 erbaut].
  • Als Ministerpräsidenten standen dem Freistaate Oldenburg vor:
  • von 1919 - 1923 Theodor Tantzen,
  • vom 17.4.1923 - Frühjahr 1930 Geheimministerialrat von Finkh und
  • von 1930 an Ministerialrat Cassebohm.
  • Die Wahl vom 29.05.1932 brachte im Oldenburger Landtag eine national-sozialistische Mehrheit [von 46 Sitzen = 24].
  • So mußte das Kabinett Cassebohm - Dr. Driver - Dr, Willers im Juni 1932 zurücktreten und Oldenburg erhielt als erstes deutsches Land eine national-sozialistische Regierung [Ministerpräsident Karl Rover, Minister Spangemacher und Pauly] Der Landtag wurde 1933 aufgehoben und am 03.01.1934 gingen die Hoheitsrechte der Länder auf das Reich über, Oldenburg war nur noch ein Verwaltungsbezirk, der mit Bremen und Ostfriesland zum Gau Unterweser-Ems wurde.


III. In der Gemeinde Essen

a) Verwaltung – Gemeinderat

  • Gemeindevorsteher: Bernard Gravenhorst von 1896 - 1920 [ gest. 1928],
  • Franz Böckmann, Bauer aus Brokstreek 26.4.1920 - 1934.
  • Beigeordneter während 20.09.1919 - 1933 [gest. 03.08.1936] Kaufmann August. Meyer, Essen
  • Gemeinderat:
  • Den ersten in der Zeit des Freistaats am 24.05.1919 gewählten Gemeinderat gehörten an:
  • B. Gravenhorst, August Meyer, Franz Lamping und Ludwig Schade, Essen, Franz Böckmann, Brokstreek, B. Diekmann, Essen, Bröring, Uptloh, Josef Eckholt, Essen, Heinrich Schumacher, Bevern, Weichenwärter Kowalski, Essen, G. Sommer, Ahausen, A. Hoppe, Bartmannsholte, E. Lorenz, Herbergen als neue Mitglieder.
  • In den folgenden Sitzungsperioden bestand der Gemeinderat aus 15 Mitgliedern, die für 1922, 1925, 1928 und 1931 jeweils im Oktober des vorhergehenden Jahres auf Einheitsliste gewählt waren. Dem letzten Gemeinderat [1931] gehörten an:
  • Als alte Mitglieder H. Brüning, Lage, Hermann Focken, Herbergen, Anton Göhrs, Essen, Fr. Grote, Barlage, H. Holtkamp, Ahausen, J. Holtemöller, Herbergen, Heinrich Heisen, Brook, Th. Kleier, Essen, Anton Kruse, Uptloh, Aug. Meyer, Essen, Bern. Ratte, Brokstreek, Josef gr. Macke, Addrup und als *neue Mitglieder: Fr. Pille, Calhorn, Georg Roberg, Bevern und Josef Tepe, Essen. Zu Landtagsabgeordneten wurden 1925 gewählt Anton Göhrs und B. Eckholt. Gemeindesekretär war von 1920 an Küster Jos. Tiemann Essen und Gemeinderechnungsführer Heinrich Schwegmann und ab 1935 Bern. Schwegmann.

b) kirchliches Leben

Papst Benedikt XV. [1914 – 1939], Pius XII. [1922 – 1939] Goldenes Priesterjubiläum

Bischof von Münster: Johannes IV. Poggenburg [1913 – 1933].

Offiziale: B. Grobmeyer * 1922 ; Tepe [27.08..- ], Lambertus Meyer [19.07.22 – 1933],

Geistliche in Essen:

  • Pfarrer Georg Hegger [29.03.1917 – 1938]
  • Kaplan Josef Hinners aus Emstek [29.09.1881 - 09.05,1926]
  • Kaplan Wilhelm Niermann aus Löningen [1926 – 1938]
  • Vikare: Josef Hermes [01.08.1920 - 15.07.1924],
  • Wilhelm Niermann [1924 – 1926].

Rektor der Bürgerschule Bern. Menke [01.08.1904 - 19349 Aufhebung].

Geistliche in Bevern:

  • Kaplan Anton Zumbrägel [22.04.1918 -12.09.1922]
  • Pfarrer Bernard Schütte aus Dinklage[22.09.1922 -24.01.1931],
  • Pfarrer Theodor Klaus aus Nutteln [1931 - 20.03.1961]

Primizianten:

  • 1925 Heinrich Fresenborg und Franz Lammerding,
  • 1927 P. Aurelius Albers O.P., '
  • 1928 P. Josef kl. Arkenau,
  • 1932 Josef Kettmann

Am 06.09.1919 - Die Eingesessenen und Grundeigentümer von Herbergen, die bislang zu Lastrup gehört hatten, wurden nach Essen eingepfarrt.

1921, - In Bevern war Mission, in Essen wurden eine neue Meßglocke und zwei Fenster beschafft,

1926, - Im Februar erwarb die Kirchengemeinde Essen von Bauer Albers Gelände für einem neuen Friedhof, der 1927 u. 1928 instandgesetzt wurde.

c) Schulwesen

  • 01.04.1923 Die Bürgerschule in Essen wurde auf die Gemeinde übernommen,
  • 1931 Aus Ersparnisgründen in Essen eine Schulklasse abgebaut,
  • 1932 wieder eingerichtet
  • 1930/31 In Calhorn wurde eine neue Schule mit Wohnung gebaut.

Lehrer an den einzelnen Schulen:

Essen: Ignatz Kohorst 1907 - 1926(entlassen), Rektor Heinrich Baker aus Elbergen 1926 - 1.10.1948 (+ 12.9.1954 in Hamburg),

Addrup: Vornhusen 1900 - 1.10.1929, Josef Diekgerdes 1929 - 01.10.1959,

Bartmannsholte: Karl Fangmann 1907 - 01.10.1926, Heinrich Lübke 1926 - 1945,

Brokstreek: Gerh. Kanne 1898 - 01.10.1926, Clemens Hürkamp 1926 - 1.10.1950,

Bevern: Anton Kock 1910 - 01.11.1926, Josef Meyer 1926 - bis zum 2.Weltkrieg,

Herbergen: Eduard Engeln 01.10.1910 - 01.10.1921, Georg Ellert 1.10.1922 - 1.4.1934,

Calhorn: Clemens Balster 01.04.1931 - 01.10,1953.


d) Größere Bauvorhaben

28.10.1919 - Bau einer zweiten Klasse in Bartmannsholte und Addrup, für die 90000 Steine, Kalk und Zement angekauft wurden. Der Bau in Addrup kostete 15.855,00 Reichsmark.

02.02.1919 Beschluß des Gemeinderates, die im Protokoll von 1933 vorgesehenen Straßenbauten 1,4,3,2,5,9, 10 durchzuführen, dafür wurden 540000,oo Reichsmark eingesetzt.

21.03.1920 Errichtung eines Hasestauwerkes in Ahausen [Langemeyer]

02.11.1920 Anschluß an die von Amtshauptmann Dr. Willers erbaute Überlandzentrale getätigt

26.04.1922 Hochspannungsleitung festgelegt, Bau Ende 1922 in der Gemeinde durchgeführt. Neubau der Puddingfabrik Rump und Flerlage und der späteren Metallwarenfabrik Kurt Jasinski in Hengelage.

1922 Einrichtung eines Gemeindebüros in der Küsterei Essen

12.03.1922 Gründung des Heimatmuseums im Realgymnasium Cloppenburg

24.07.1927 Errichtung der Sandsteinfabrik H. Stratmann, Osteressen

1929 Siedlung Calhorn gebaut [18 Häuser]

1930 Neue Schule in Calhorn

21.06.1930 Grundsteinlegung der Gedächtnishalle, eingeweiht 1936

1930/31 Erweiterungsbau des Krankenhauses St. Leo-Stift

20.04.1931 Pastorat in Bevern gebaut, nachdem Bevern Pfarre geworden war.

e) Neugründung von Vereinen

04.12.1921 Gründung einer Freiwilligen Feuerwehr,

1922 Bau eines Spritzenhauses,

1923 Anschaffung einer Motorspritze.

12.03.1922 Gründung der DJK-Sportabteilung durch Kaplan Niermann

14.04.1925 Einrichtung einer Kraftpostlinie Essen – Bevern – Addrup - Lüsche

07.09.1926 Gründung einer Denkmalskommission [Kriegerverein]

15.04.1928 Gründung eines Reitervereins durch Jungbauer Josef Albers.

25.10.1931 Feier des 75 – jährigen Bestehen des Jünglingvereins


Erläuterung: Dawes-Plan: - entnommen der Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Der Dawes-Plan vom 16. August 1924 regelte die Reparationszahlungen Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg. Diese sollten nunmehr der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Weimarer Republik angepasst werden und sie nicht länger überfordern. Zugleich wurde eine internationale Anleihe aufgelegt, mit der die deutsche Wirtschaft angekurbelt wurde.

Probleme des Dawes-Plans

  • 1924 war der Dawes-Plan in Kraft getreten, der erste Reparationsplan, der tatsächlich zu Zahlungen an Frankreich führte. Mit der gleichzeitig aufgelegten Dawes-Anleihe war nämlich der amerikanische Kapitalmarkt für Deutschland wieder geöffnet worden, und langfristige Anleihen sowie kurzfristige Kredite flossen in Milliardenhöhe ungefähr hälftig an die deutsche Privatwirtschaft und die öffentlichen Hände im Reich. Dadurch wuchs die Wirtschaft der Weimarer Republik in diesen goldenen zwanziger Jahren deutlich, und trotz passiver Handelsbilanz waren auch genug Devisen vorhanden, um die Annuitäten des Planes zu begleichen.
  • Dennoch wuchs ab 1927 auf allen Seiten das Unbehagen. Die Banken der Wall Street und das US-Schatzamt machten sich zunehmend Sorgen, dass Deutschland bald überschuldet sein könnte. Seit 1924 waren ausländische Kredite im Wert von über zehn Milliarden Reichsmark nach Deutschland geflossen, von denen ein großer Teil nicht für investive Zwecke ausgegeben wurde. Die deutsche Kommunen finanzierten damit z.B. ihre Parkanlagen und den Wohnungsbau. Auch stellte sich die Frage, welche Schuldenart bei einer etwaigen Zahlungskrise denn Priorität haben sollte, die privaten Kredite oder die staatlichen Reparationen. Ein solches Gegeneinanderausspielen beider Schuldenarten lag nämlich durchaus in der deutschen Strategie.
  • Der Reparationsexperte Hans Simon hatte bereits 1927 formuliert: „Je größer unsere private Verschuldung, umso kleiner unsere Reparationen“.
  • Auch die französische Regierung machte sich zunehmend Sorgen. Dabei ging es um die interalliierten Kriegsschulden, die der amerikanische Staat in den Jahren 1917 und 1918 an Frankreich gegeben hatte und deren Rückzahlung er seit 1919 verlangte. Die französische Öffentlichkeit hatte dieses Ansinnen stets empört zurückgewiesen und verunglimpfte den ehemaligen Bündnispartner USA als „Uncle Shylock“. Da Frankreich aber dringend Kredite brauchte, um nach der Inflation der Jahre 1924 und 1925 den Franc zu stabilisieren, der amerikanische Kapitalmarkt ihm aber verschlossen blieb, solange die Rückzahlung der Kriegsschulden nicht geregelt war, hatten der französische Botschafter in Washington, Henri Bérenger, und der amerikanische Finanzminister Andrew Mellon im April 1926 ein Abkommen formuliert: Darin wurde die Rückzahlung der Kriegsschulden innerhalb von 62 Jahren bei einem Zinsfuß von 1,6 % Zinsen geregelt und auch ein 1919 auf zehn Jahre gewährter Kredit in Höhe von $ 407 Millionen, mit dem Frankreich den Amerikanern das nach dem Weltkrieg im Lande zurückgelassene militärische Material bezahlt hatte, war darin einbezogen.
  • Die Abgeordnetenkammer weigerte sich aber, dieses Abkommen ebenso wie das sogar noch günstigere Abkommen, das Finanzminister Joseph Caillaux im Juni 1926 mit seinem britischen Amtskollegen Winston Churchill geschlossen hatte, zu ratifizieren, wenn nicht die deutschen Reparationen, die die Zahlungen an die USA abdecken sollten, endgültig geregelt waren. Damit drohte die Regierung von Ministerpräsident Raymond Poincaré unter Zeitdruck zu geraten, denn wenn das Mellon- Bérenger-Abkommen nicht bis Juli 1929 ratifiziert wäre, würden der Materialkredit von $ 407 Millionen fällig. Unter diesen Bedingungen wuchs die französische Bereitschaft, einem neuen Reparationsplan zuzustimmen und sich dabei auch mit weniger als den 132 Milliarden Goldmark zufriedenzugeben, die im Londoner Zahlungsplan 1921 gefordert worden waren.
  • Auch in Deutschland war man mit dem Dawes-Plan nicht völlig zufrieden. 1928 wurde nämlich erstmals die Normalannuität von 2,5 Milliarden Reichsmark fällig. Das entsprach 12,4 % der gesamten deutschen Staatsausgaben und immerhin 3,3 des Volkseinkommens. Sollte die Konjunktur sich nun noch weiter positiv entwickeln, würde auf Grund des Wohlstandsindex des Planes sogar eine noch höhere Summe fällig, was die deutsche Zahlungsfähigkeit zu übersteigen drohte. Hinzu kam noch ein innenpolitisches Problem. Die viel beschworenen „Rückwirkungen“ der Konzessionen, die Außenminister Gustav Stresemann beim Vertrag von Locarno gemacht hatte, waren weitgehend ausgeblieben, weitere Revisionen des Versailler Vertrags standen nicht vor der Tür. Dies schwächte die innenpolitische Stellung Stresemanns vor allem bei den Parteien der Rechten.
  • Der Beschluss zur Revision des Dawes - Plans
  • In dieser Situation reiste der Reparationsagent Seymour Parker Gilbert im Januar 1928 nach Paris und überzeugte die dortige Regierung von seinem Plan einer Gesamtlösung. Die deutschen Reparationen sollten endgültig und auf einem realistischen Niveau festgelegt werden. Das würde es erlauben, die gesamte deutsche Reparationsschuld bei Frankreich als Mobilisierungsanleihe auf den Markt zu bringen. Banken und Privatkunden würden die Anteile kaufen und vom Deutschen Reich jährlich Zinsen und Tilgung dafür erhalten, während Frankreich sein Geld auf einen Schlag erhalte und dadurch auch die interallliierten Kriegsschulden auf einen Schlag und zu einem günstigen Disagio zurückzuzahlen. Die deutsche Regierung würde sich auf einen solchen Plan aber nicht gerne einlassen, da der Schuldendienst an den Reparationsschuldscheinen, wenn sie erst einmal in den Händen von Banken und Privatleuten waren, nicht würde verweigert werden können, ohne die Kreditwürdigkeit der deutschen Wirtschaft empfindlich zu schaden. Um Deutschland dennoch zur Einwilligung zu bewegen, sollte Frankreich seine Soldaten früher aus dem Rheinland abziehen, als im Versailler Vertrag vorgesehen. Gilbert gelang es, die französische Regierung von seinem Plan zu überzeugen. Seit Frühjahr 1928 sprachen sich sowohl Poincaré als auch sein immer verständigungsbereiter Außenminister Aristide Briand in öffentlichen Reden für eine Verkoppelung der Reparationsrevision mit der Rheinlandfrage aus.
  • In Deutschland war man ursprünglich gegen einen solchen „schauderhaften Kuhhandel“, wie Carl von Schubert, der Staatssekretär im Auswärtigen Amt die amerikanisch-französische Idee anfangs bezeichnete.
  • Nachdem aber im Sommer 1928 mit Hermann Müller ein sozialdemokratischer Kanzler die Amtsgeschäfte übernommen hatte, wuchs der innenpolitische Druck, Erfolge für die von der SPD stets mitgetragene Verständigungspolitik Stresemanns vorzuweisen. Daher beschloss die neue Regierung bald, eine Initiative zur Räumung des Rheinlands zu ergreifen, wohl wissend, dass damit die Gegenforderung nach Neuregelung der Reparationen verbunden sein würde. Dies geschah nach ausführlichen diplomatischen Sondierungen während der Herbsttagung des Völkerbunds in Genf: Reichskanzler Müller verlangte den Abzug aller ausländischer Truppen, Briand antwortete mit der Forderung nach Neuregelung der Reparationen, woraufhin sich die interessierten sechs Mächte – außer Deutschland und Frankreich auch Großbritannien, Belgien, Italien und Japan – am 16. September 1928 darauf einigten, dass ein unabhängiges Expertengremium einen endgültigen Reparationsplan entwerfen und gleichzeitig Verhandlungen über die Räumung und die Militärkontrolle des Rheinlands aufgenommen werden sollte.
  • Die Regierung unter Reichskanzler (SPD) versuchte nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages gegen eine Schlusszahlung bestimmte Freiheiten für Deutschland wiederzuerlangen. Dazu gehörten eine Räumung des Rheinlandes, ein Ende der Souveränitätsbeschränkungen durch ein Ende der internationalen Kontrolle über Reichsbank und Reichsbahn und ein Ende der Reparationen. Bei der Völkerbundtagung im September 1928 wurde dann schließlich die Einsetzung einer internationalen Sachverständigenkommission zur Regelung der Reparationsfrage unter dem amerikanischen Wirtschaftsexperten Owen Young beschlossen.

Die Experten-Beratungen

  • Die vierzehn internationalen Finanzexperten, die den neuen Reparationsplan zu erstellen hatten, sollten unabhängig und nur ihrem ökonomischen Sachverstand verpflichtet sein. Dadurch hoffte man, die Reparationen, die aufgrund ihrer Begründung durch den Kriegschuldartikel 231 des Versailler Vertrags moralisch und politisch stark umstritten waren, zu entpolitisieren. Dies misslang, denn um unter dem neuen Plan nicht etwa weniger Reparationen vom Deutschen Reich zu erhalten, als interalliierte Kriegsschulden an die USA zahlen müssten, legten Poincaré und Churchill bereits am 19. Oktober 1928 das Ergebnis der Expertenberatungen vorab fest. Auf dieses Ergebnis wurden auch die beiden französischen Experten Émile Moreau und Jean Parmentier durch eine Instruktion der Regierung vom 27. Dezember 1928 verpflichtet: Deutschlands künftige Reparationszahlungen mussten die Kriegsschuldenzahlungen der Gläubiger abdecken und für Frankreich und Belgien einen Überschuss erbringen; außerdem mussten sie endgültig festgelegt werden und auf dem Kapitalmarkt mobilisierbar sein. Zwar war Aufnahmemöglichkeit von mobilisierten Reparationen auf dem amerikanischen Kapitalmarkt mittlerweile durch den Börsenboom stark eingeschränkt, der die Wall Street im Sommer 1928 erfasst hatte und der vierzehn Monate später in den verheerenden Crash des Schwarzen Donnerstags münden sollte, doch hoffte man darauf, die Reparationen später an der Wall Street unterbringen zu können.
  • Die deutschen Experten Hjalmar Schacht und Albert Vögler vertrauten dagegen darauf, dass Grundlage des neuen Plans die objektive Zahlungsfähigkeit Deutschlands und nicht die Bedürfnisse der Gläubigerstaaten sein würden, und bereiteten entsprechend ausführliche Dossiers vor. Sie fühlten sich auch in einer starken Verhandlungsposition, da sie die Amerikaner auf ihrer Seite glaubten, die mit Owen D. Young den Vorsitzenden des Ausschusses stellten. Bei den Beratungen, die am 9. Februar 1929 in Paris begannen, wurden sie aber enttäuscht: Briten und Franzosen teilten ihm unverblümt mit, dass sie eine Annuität von 2 bis 2,5 Milliarden RM erwarteten. Schacht bot am 11. Februar 1,37 Milliarden pro Jahr, allerdings unter der Bedingung, dass man Deutschland seine Kolonien wiedergeben und bei der Rückgewinnung des polnischen Korridors helfen würde. Die Gläubiger wiesen diesen Vorschlag empört zurück. Schacht reiste nach Berlin und drängte die Reichsregierung darauf, die Verhandlungen platzen zu lassen. Das aber würde aller Welt demonstrieren, dass die Reparation demnächst nicht gesenkt und womöglich die deutsche Zahlungsfähigkeit übersteigen würden. Schon begannen einige internationalen Gläubiger, ihre kurzfristigen Kredite aus Deutschland abzuziehen. Unter diesen Umständen forderte das Kabinett Schacht auf weiterzuverhandeln und wies ihn auf seinen eigenen Wunsch am 1. Mai 1929 an, einem Kompromissvorschlag, den der Ausschussvorsitzende Young in der Zwischenzeit ausgearbeitet hatte, zuzustimmen.
  • Schacht hatte damit seine Unabhängigkeit aufgegeben, hatte aber auch keine Verantwortung für das Verhandlungsergebnis mehr. Sein Kollege Vögler dagegen trat am 23. Mai zurück: Er wollte die Verhandlungen lieber scheitern und die folgende Kreditkrise eintreten lassen, um die Unfähigkeit Deutschlands zu demonstrieren, jährlich zwei Milliarden Reichsmark Reparationen zu zahlen. Er wurde durch den Geschäftsführer des Reichsverbands der deutschen Industrie, Ludwig Kastl ersetzt, der gemeinsam mit Schacht konstruktiv an der Kompromisssuche mitarbeitete. Am 9. Juni 1929 konnten die vierzehn Experten den „Neuen Plan“ vorlegen, der nach dem Vorsitzenden ihres Ausschusses meist „Young-Plan“ genannt wird.


Der Young-Plan aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie


  • Der Young-Plan war der letzte der Reparationspläne, die die Zahlungsverpflichtungen des Deutschen Reichs auf Grundlage des Versailler Vertrags regelten. Er wurde von einem Gremium internationaler Finanzexperten vom Februar bis Juni 1929 in Paris ausgehandelt, die endgültige Ausformulierung erfolgte auf zwei Regierungskonferenzen im August 1929 und im Januar 1930 in Den Haag. Er trat am 17. Mai 1930 rückwirkend zum 1. September 1929 in Kraft und setzte eine durchschnittliche Annuität von rund zwei Milliarden Reichsmark fest, die zum überwiegenden Teil in Devisen zu zahlen waren. Er sollte bis 1988 gelten, wurde aber bereits im Juni 1931 durch das Hoover-Moratorium ausgesetzt und im Juli 1932 von der Konferenz von Lausanne aufgehoben.
  • Der Young-Plan sah eine deutsche Reparationsschuld in Höhe von umgerechnet 36 Milliarden Reichsmark vor. Diese Summe sollte verzinst bis 1988 zurückgezahlt werden. Die Annuitäten sollten rasch von 1,7 Mrd. Reichsmark auf 2,1 Mrd. steigen, nach 1966 auf 1,65 Mrd. RM sinken. Der Transferschutz des Dawes-Plans wurde abgeschafft, das heißt das Reich war künftig selbst dafür verantwortlich, dass die aus dem Steueraufkommen aufgebrachte Summe in Devisen oder Sachleistungen an die Bank für internationalen Zahlungsausgleich überwiesen werden konnte. Diese Institution übernahm die Funktionen der im Versailler Vertrag vorgesehenen Reperationskommission, die ebenso wie das Amt des Generalagenten für Reparationszahlungen abgeschafft wurde. Ebenso verschwanden auch die Kontrollmöglichkeiten, die sich die Gläubigermächte im Dawes-Plan über die Deutsche Reichsbahn und die Reichsbank gesichert hatten, sowie der Wohlstandsindex, das heißt, Deutschland konnte sicher sein, auch bei günstiger Konjunkturlage nicht mehr zahlen zu müssen.
  • Die Sachlieferungen, mit denen Deutschland vielfach Unternehmen der Gläubigerländer Konkurrenz gemacht hatte, sollten nach zehn Jahren auslaufen. Die verbleibende Zahlungsverpflichtung in Devisen war aufgeteilt in eine so genannte ungeschützte Annuität, die unter allen Umständen in Devisen überwiesen werden musste und gleichbleibend 600 Millionen Reichsmark betrug. Die mehr als doppelt so große so genannte geschützte Annuität konnte im Fall einer „verhältnismäßig kurzen Depression“ zunächst in Reichsmark transferiert werden. Die Devisen mussten aber spätestens im übernächsten Jahr nachgeliefert werden. In diesem Fall hatte ein so genannter Beratender Sonderausschuss zusammenzutreten, der einer Regierungskonferenz Vorschläge zu unterbreiten hatte, wie Deutschland seine Devisenprobleme würde überwinden können. Eine Änderung des Plans durfte er allerdings nicht vorschlagen, denn der Young-Plan erhob den Anspruch, die deutschen Reparationsverpflichtungen endgültig zu regeln. Im Fall eines Transferaufschubs hatte Frankreich einen Garantiefonds in Höhe von umgerechnet 500 Millionen Reichsmark einzurichten, aus dem die Devisenverluste der kleineren Gläubigermächte ausgeglichen werden sollten. Die geschützte Annuität war durch ein „Gleichzeitiges Memorandum“, das die Gläubigermächte dem Young-Plan beifügten, eng mit ihren interalliierten Kriegsschulden verkoppelt: Sollten die USA hier zu einem Nachlass bereit sein, würden sie diesen an Deutschland weitergeben. Am 17. Mai 1930 trat der Young-Plan rückwirkend zum 1. September 1929 in Kraft.

Volksentscheid über Young-Plan

  • Obwohl dies eine finanzielle Entlastung des Deutschen Reiches gegenüber bestehenden Abkommen bedeutete, suchten die rechten Vereinigungen Deutschnationale Volkspartei, Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei und der Stahlhelm diesen Plan im Wege einer Volksabstimmung zu Fall zu bringen. DNVP - Vorsitzender Alfred Hugenberg nannte den Plan eine „Maschinerie des Hochkapitalismus zur Unterjochung Deutschlands“, vor allem die lange Dauer der Zahlungsverpflichtung wurden in der rechten Agitation herausgestrichen „Bis in die dritte Generation müsst ihr fronen!“. Sie gründeten im Juli 1929 den „Reichsausschuß für das Volksbegehren gegen den Young-Plan“. Am 22. Dezember 1929 stimmten die Bürger über das „Freiheitsgesetz“ ab, das den ganzen Versailler Vertrag revidieren sollte und die Bestrafung der Unterzeichner des Planes durch Zuchthaus wegen Landesverrats enthielt.
  • Das Volksbegehren scheiterte in der zweiten Instanz, da für einen Erfolg des Volksentscheides die Zustimmung von 50% aller Wahlberechtigten nötig gewesen wäre, aber nur 13,5% aller Wahlberechtigten zur Wahl gingen. Diese 13,5 % Wählerstimmen bestanden aus 5.838.890 Ja-Stimmen und nur 338.195 Nein - Stimmen. Damit hatten 94,5 % der Abstimmenden dem Plan zugestimmt. Die Regierung hatte den Abstimmungstermin absichtlich auf den letzten verkaufsoffenen Sonntag vor Weihnachten gelegt. Repräsentativ gesehen gab es tendenziell somit eine große Mehrheit für das Volkbegehren, zumal man die Nichtwähler auch nicht einfach als Contrastimmen zählen kann.
  • In der älteren Forschung wurde oft die These vertreten, die Zusammenarbeit gerade mit dem finanzstarken Hugenberg und den bürgerlichen Rechtsradikalen habe die NSDAP „salonfähig“ gemacht und sei für ihren weiteren Aufstieg von entscheidender Bedeutung gewesen. Dem wird in den Arbeiten des Berliner Politikwissenschaftlers Otmar Jung widersprochen, der zeigt, dass der Aufwärtstrend in den Wahlergebnisse für die NSDAP schon vor der Youngplankampagne eingesetzt hatten.
  • Nachdem es nach einem Vorschlag des amerikanischen Präsidenten Herbert Hoover während der Weltwirtschaftskrise zu einem allgemeinen Zahlungsmoratorium (Hoover-Moratorium) kommt, wurde der Young-Plan durch die Konferenz von Lausanne im Juli 1932 aufgehoben.


Quellen:


  • Wikipedia, die freie Enzykopädie
  • Bockhorst Heinrich
  • Strickmann, Heinz
  • Private Recherchen
  • Staatsarchiv Oldenburg
  • aufgearbeitet h. br., zahlreiche Ergänzugen müssen noch voregenommen werden.
Ansichten
Persönliche Werkzeuge