Essen im 30-jährigen Krieg
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Essen im 30-jährigen Kriege
- Hatten auch zu Beginn des 17. Jahrhunderts die räuberischen Einfälle ein Ende genommen, so musste doch die Bevölkerung Essens noch lange Jahre unter den Folgen der spanisch-niederländischen Wirren leiden. Noch ein Jahr von Beginn des unheilvollen 30-jährigen Krieges [1617] berichtet der Wehrfester Johann Bielage in einer Eingabe an den Landesherrn, dass er wegen "vielfältiger Kriegsüberzüge und unfruchtbarer Jahre in fast unüberwindliche Schuldenlast geraten sei und dermaßen mit schulden bedrücket, dass es mir fast unmöglich ist, die jährliche Pacht, Zinsen, Schätzung und sonstige Lasten davon zu entrichten,"
- Dann begann der 30-jährige Krieg, der nicht nur die benachbarten Städte Cloppenburg, Vechta und Quakenbrück, sondern auch das flache Land in grauenvoller Weise heimsuchte. Es mögen hier die für das Oldenburger Münsterland wichtigsten kriegerischen Ereignisse kurz angedeutet und die Folgen für unseren Ort Essen eingefügt werden. Von 1618 - 1622 blieb das Münsterland von Einfällen verschont. Am 01. November 1622 fiel Ernst von Mansfeld mit seinen Truppen in das Niederstift ein, besetzte die festen Plätze, darunter auch Cloppenburg, plünderte ausgiebig in der Umgegend, auch in Essen, und zog durch das Saterland nach Ostfriesland.
- Am 14. August 1623 traf Tilly nach einem Siege über den Grafen Christian von Braunschweig mit 25000 Mann in Cloppenburg ein, um die Mansfelder in Ostfriesland zu vernichten. Vom Lager in Bethen zog er gegen Oldenburg, lagerte am Tillyhügel bei Wardenburg, wo Graf Anton Günther ihn durch geschickte Diplomatie veranlasste, statt nach Ostfriesland mit dem Hauptteil seines Heeres zur Weser zu ziehen. Eine neue Gefahr entstand, als Mansfeld sich entschloss, das ausgesogene Ostfriesland zu verlassen und in Westfalen einzufallen.
- Am 19. Dezember 1623 trafen einige Infanterieregimenter unter Oberst Limbach vor Friesoythe ein. Während ein anderer Teil gegen Cloppenburg zog, wo aber der Sturm misslang. Nun rückten Truppen der Liga unter Oberst Erwitte gegen die Mansfelder. Sie griffen am Weihnachtstage bei Altenoythe an und zwangen den Kern der Truppe, der sich auf den von hohen Mauern umgebenen Friedhof verschanzt hatte, am 26. Dezember zur Kapitulation.
- In den folgenden Jahren kam es zwar nicht zu Kriegsereignissen, aber Durchzüge kaiserlicher und dänischer Truppen, Kontributionen und Plünderungen nahmen kein Ende.
- Auch Essen war in Mitleidenschaft gezogen, wie eine Aufzeichnung des Richters in Essen beweist, in der die Schulden der Landesherrlichkeit eigenhörigen Höfe, die durch den Krieg bis 1630 entstanden waren, angegeben sind. Da wird z.B. der Schaden bei Gr. Bielage auf 2200 Reichstaler, bei Lüttke Bielage auf 816 Reichstaler angegeben. Nur Gr. Bielage erhielt eine Entschädigung von 450 Reichstalern, wahrscheinlich, weil ein Brandschaden vorlag. 1632 musste das Amt Cloppenburg eine Kontribution von 50000 Reichstalern zahlen, an der natürlich auch die Gemeinde Essen ihren Anteil zu tragen hatte.
- Mit dem Eintritt der Schweden in den Krieg wurde die Lage noch schlimmer. Im Februar 1633 drang Herzog Georg von Braunschweig - Lüneburg als Verbündeter der Schweden in das Niederstift ein. Das Amt Cloppenburg fiel dem schwedischen General von Baudissin zu. Er übte jetzt das Landesrecht aus und das wirkte sich auch auf die kirchlichen Verhältnisse aus. Die Rekatholisierung, 1613 begonnen, kam zum Stillstand. In Löningen und Lindern wurden 1635 wieder lutherische Prädikanten eingesetzt. Im Sommer 1635 enthob Baudissin "auf Anhalten von einigen unruhigen Leuten", wie es auf katholischer Seite hieß, den katholischen Pastor Brand in Essen seines Amtes.
- Die Äbtissin von Malgarten, Barbara von Schlepegrell, beschwerte sich als Patronatsherrin darüber bei Baudissin und berief sich darauf, dass Essen mit wenigen Ausnahmen katholisch gewesen sei und noch sei und dass der schwedisch-französische Bündnisvertrag solche Maßnahmen nicht zulasse. Sie schob die Schuld ihrem Verwandten, dem protestantsichen Gutsherrn Heinrich von Lutten auf Gut Lage zu. In einem Brief beschuldigt sie ihn und seine Frau, General Baudissin bewogen zu haben, den Pastor Brand abzusetzen und den Pastor von Vörden wieder einzusetzen.
- Nach den Verträgen mit Frankreich müsse der General jeden bei seiner Religion belassen. Er habe auch ja sonst keine Veränderung in Cloppenburg vorgenommen oder jemand wegen einer Religion vertrieben. Wegen ihrer Verwandtschaft habe sie solches von ihm nicht erwartet. Heinrich von Lutten verwahrte sich zwar gegen die "Essener Reform", bemerkte aber doch, er habe nie daran gedacht, "solch hohes Werk in Person in Effekt zu setzen, sondern habe es Gott und der hohen Obrigkeit alle weg anheim gestellt und anbefohlen."
- Im Oktober 1635 rückte eine kaiserliche Heeresabteilung unter Oberst Freiherr von Luttersum oder Lautersheim im Emsland ein. Zum Schutze des Nordlandes [nördlicher Teil von Osnabrück] zogen die Schweden das Reiterregiment des Obersten Wendt von Krassenstein, im Volksmunde Kratzenstein genannt, heran, von dem Quakenbrück gegen den Willen des Statthalters Münzebruch drei Kompanien unter Major Prasse aufnehmen musste.
- Die Truppen Luttersums unter dem aus Essen stammenden Oberstwachtmeister Schilder überfielen am 19. Oktober nachmittags um ca. zwei bis drei Uhr, als Major Prasse dienstlich nach Osnabrück war, die Stadt, plünderten sie, nahmen den Ratsherrn Kramer als Geisel mit und verlangten beim Abzuge alle Weinvorräte und 2000 Taler Kontribution, die zu Luttersums Hauptquartier nach Haselünne geliefert werden sollten. Als die Zahlung sich verzögerte, schickte Luttersum einige Reiter nach Essen, die das Geld in Empfang nehmen sollten. Die Zahlung musste aber heimlich geschehen, da sonst die Schweden, die offenbar in der Nähe lagen, die Reiter abfangen würden. Schließlich erhielt Luttersum von Quakenbrück 1000 Taler, die in Cloppenburg, das kurz zuvor von den Kaiserlichen besetzt worden war, ausbezahlt.
- Luttersum besetzte jetzt das ganze Osnabrücker Land außer die Stadt Osnabrück und Wittlage. In dieser für die Schweden kritischen Zeit übernahm Dodo von Knyphausen als Feldmarschall das Oberkommando über die schwedischen Truppen. Er säuberte das Hochstift Münster und fiel dann in das Niederstift ein. Die Truppen hausten übel in den besetzten Gebieten, so dass sich die Stadt Quakenbrück, die wegen ihres Glaubens im Herzen zu den Schweden hielt, sich klagend an Oberst Luttersum wandte, der in Vechta residierte.
- Als Antwort erhielten sie zum Schaden den Spott: "Wenn ihr durch feindliche Einquartierung merklich ruiniert seiet, sollen die Herren gedenken, dass solches von ihren guten Freunden geschehen; lassen sich also nicht verdrießen, weil es nur die Papisten nicht getan haben." Als Nachschrift fügte der Oberst bei, dass sich sämtliche Adelige aus Vechta und Cloppenburg beklagt hätten, ihr von den Schweden geraubtes Vieh sei nach Quakenbrück verschleppt worden. Er bezichtigte die Stadt der Hehlerei und forderte schleunige Rückgabe. In der Tat waren schon tags zuvor kaiserliche Soldaten, die in Essen in Quartier lagen, unter der Angabe, das geraubte Vieh zu suchen, bewaffnet in Quakenbrück eingefallen, hatten die Bewohner geschlagen und gedroht, etliche zu erschießen. Die Bewohner gaben zwar an, das Vieh zum Besten der rechtmäßigen Herren eingelöst zu haben, aber der Gedanke der Schiebung lag doch zu nahe.
- Nach dem Tode Knyphausens im Gefecht bei Haselünne am 10. Januar 1636 übernahm Oberst Kratzenstein das Kommando des schwedischen Heeres. Er behauptete sich in Cloppenburg und Vechta. Auch Quakenbrück war zeitweise von Schweden besetzt. Zum Unterhalt der Truppen musste die Stadt vom 20. - 30. Januar nach Essen, wo auch die Schweden hausten, 3000 Pfund Brot, 7 Tonnen Bier und 6 wohlbespannte Wagen liefern. Vom 30. Jan. - 09. Febr. mussten 50 oder 60 Schuppen, 2 Äxte, 10 Beilhacken, ferner Brot, Bier, Hafer und Naturalien geliefert werden. Kurze Zeit darauf fiel das Niederstift wieder den Kaiserlichen zu.
- Fürstenau und Vechta kamen in ihre Hand, während in Meppen und Osnabrück noch die Schweden die Gewalt ausübten. Das zwischen diesen Städten liegende Gebiet, also auch unsere Gegend, wurde zum Tummelplatz der beiden kriegführenden Parteien. Von beiden Seiten wurden Kontributionen gefordert und von den Stützpunkten Raubzüge in das unbefestigte Land gemacht.
- Als Ende Mai 1637 Landgraf Wilhelm von Hessen in den Kampf eingriff, verlangte Luttersum von Vechta aus von der Stadt Quakenbrück die Lieferung von 4000 Nägeln. Doch fehlte den Schmieden das Eisen und auch in Essen konnten sie es nicht auftreiben. Als die Kaiserlichen am 09.Juni 1637 in Vechta unter Gewährung freien Abzuges kapitulieren mussten, wandten sich die Schweden gegen Fürstenau.
- Am 28.Juli 1637 teilte der Kommandant Bergknecht aus Fürstenau den Quakenbrückern mit, dass 400 Mann unter dem Obersten Rantzau auf Essen marschierten und gab Befehl, sich zu wehren und den Feind nicht einzulassen, widrigenfalls sie es zu büßen haben würden. Das Ziel war aber nicht Quakenbrück sondern Fürstenau selbst, das sich tapfer wehrte, so dass die Belagerung aufgehoben wurde. Anfang November 1638 fiel Vechta unter Luttersum wieder in die Hände der Kaiserlichen, nachdem Meppen schon am 01.Mai 1638 kaiserlich geworden war. Der kaiserliche General Hatzfeld brachte bald das ganze Niederstift in seinen Besitz, und es traten verhältnismäßig ruhige Zeiten ein. Der Krieg aber nahm weiter seinen Weg durch deutsches Land.
- 1644 zogen Hessen durch das Niederstift, im nächsten Jahre wieder Schweden. Zum letzten Male besetzten die Schweden im Mai 1647 Cloppenburg und Vechta und im Juni desselben Jahres Fürstenau und Quakenbrück. Sie blieben bis zum Frieden und darüber hinaus. Am 06. März 1650 verließ das schwedische Regiment die Stadt Cloppenburg. Es war eine Erlösung aus tiefer Not, als endlich die Freudenbotschaft vom ersehnten Frieden eintraf. Im Protokollbuch der Stadt Quakenbrück heißt es dazu lakonisch: "1648, 27. Juli / 6. August, der Allgemeine Friede im Römischen Reich um Schweden und Frankreich sei zu Osnabrück geschlossen."
Folgen des Krieges
- Hinter den trockenen, geschichtlichen Ereignissen verbirgt sich ein kaum beschreibbares Elend, das nicht nur während des Krieges sondern vor allem nach Beendigung sichtbar wurde.
1. Staatliche Unsicherheit
- An die Stelle des einheitlichen Staates trat ein Staatenbund von mehr als 300 kleinen und kleinsten Staaten. Das Vertrauen zum Staat und zur allgemeinen Sicherheit waren im Laufe des Krieges mehr und mehr geschwunden und die Finanzen waren in Unordnung. Die persönliche Sicherheit wurde durch entlassene oder desertierte Söldner und durch unherstreifende Marodeure dauernd gefährdet, noch mehr seufzte das flache Land unter der Last on Einquartierungen, Durchmärschen und Plünderungen. Deshalb sandte z.B. der Kommandant von Fürstenau im Oktober 1638 den Fähnrich Adrian von Sittinghausen mit zwei Soldaten nach Quakenbrück "um mehrer Beschirmungh der armen Underthanen gegen streiffende Partheien und Rotten." Im Wohld waren die Bauern, weil sie durch "abgedankte, heerlose, zusammengerottierte Trouppen gar sehr ruiniert" wurden dazu übergegangen zum Schutze gegen dieses Räuberunwesen eine Umwallung und Schlagbäume herzurichten.
2. Verwüstungen, allgemeine Not, Flucht
- Jahrelang hatten die geplagten Bewohner keine Ruhe; immer wieder mussten sie vor herannahenden Truppen in die Wälder oder in die Umgegend flüchten. Auch Pastor Brand musste mehrere Jahre Essen verlassen und einem protestantischen Prediger Platz machen. Kirchen und Bauernhöfe lagen öde und verwüstet, verlassen und unbewohnt.
- Ein Verzeichnis Cloppenburger Bürger vom Jahre 1640 führt 103 Häuser auf, aber bei 26 Namen findet man den Zusatz "verbrannt", bei 12 "verbrannt und wüste", bei 6 "wüste". Die ärmeren Gemeinden verödeten vollständig. In der ganzen Gemeinde Markhausen lebten noch 6 Personen. Zu einem völligen Verlassen der verwüsteten Dörfer ist es aber anscheinend nicht gekommen. In Essen, namentlich in Brokstreek und Ahausen, lagen viele Bauernhöfe wüst und unbewirtschaftet. Noch 1665 lagen wüst die Hofe Stratmann, Völker und Willen in Ahausen, der letztere schon seit 1635. In den meisten Häusern der Gemeinde lebten nur mehr ein oder zwei Menschen. Münzebrock, damals der größte Hof Essens, hatte nur einen Knecht und eine Magd und 1674, also 26 Jahre nach Friedensschluss nur einen Heuermann. Vor dem Kriege [1537] wies der Hof Münzebrock folgenden Viehbestand nach: 12 Pferde, 4 Ochsen, 13 Kühe, 20 Rinder, 30 Schweine, nach dem Kriege [1674] 4 Pferde, 3 Kühe, 5 Rinder, 7 Kälber, 7 Schweine.
- Im Jahre 1535, also 83 Jahre vor Beginn des Krieges, zählte die Gemeinde 225 Feuerstätten oder Haushaltungen, 1651, also 116 Jahre später, nur 210. Zum Teil waren die Familien ausgestorben, zum Teil so verschuldet, dass sie es vorzogen, Haus und Hof zu verlassen. Eine Zählung der Kirchspielsleute von Essen aus dem Jahre 1651 möge beweisen, wie verheerend der lange Krieg gewirkt hatte. Auffallend ist die geringe Kinderzahl. Willoh nimmt an, dass infolge der Not die erwachsenen Kinder nach auswärts in Dienst gegeben wurden. Im ganzen Kirchspiel waren nur zwei Familien mit je 4 Kindern, 102 Familien waren kinderlos, alle anderen Familien hatten 1-3 Kinder.
- In und nach dem 30-jähriqen Krieg lagen im Bereich des Kirchspiels Essen insgesamt 41 Höfe und Wohnungen wüst und zum Teil verbrannt. Damit konnte Essen den traurigen Ruhm beanspruchen, an der Spitze aller Gemeinden des Amtes Cloppenburg zu stehen.
In der Stadt Cloppenburg werden:
- Bürgerhäuser als verbrannt,
- Bürgerhäuser als verbrannt und wüst und
- Bürgerhäuser als wüst bezeichnet, zusammen also 38. Häuser
- In Krapendorf zählte man 18,
- in Emstek 21,
- in Löningen 10 [ohne den Ort Löningen],
- in Lindern 8,
- in Molbergen 6 und
- in Cappeln 5 verbrannte oder wüst liegende Höfe.
Verschieden Höfe der Gemeinde Essen lagen schon mitten im Kriege öde und verlassen, wie:
- Budke in Bartmannsholte,
- Johann im Moore in Bevern,
- Viek in Addrup,
- Hoopmann in Herbergen und
- Willen in Ahausen
Im Feuer aufgegangen waren die Wohnungen von
- Heinrich Vellage [genannt Knipper], Essen,
- Simon Keller , Essen und
- Johann uffr Hoffte, Essen
- Werneke kl. Nipper in Osteressen,
- Clausgrethe, Uptloh
- Berghaus, Uptloh und
- Jürgens, Uptloh,
- Greve, Bevern
- Tinnerrnann, Bevern und
- Niebur in Bevern und
- Wilhelm Viek in Addrup.
Noch 30 Jahre nach Friedensschluss lagen öde und wüst:
- Menke in Herbergen, der 1679 wieder anfing zu zimmern,
- Thobe in Herbergen,
- Niemann in Bartmannsholte,
- Clausgrethe in Uptloh und Beverdiek in Bevern.
Mehrere Höfe sind wegen Brand und ansteckenden Krankheiten ganz aus der Geschichte verschwunden, wie der Hof
- Heitmann in Osteressen, der unter die Kreditoren verteilt wurde, ferner die
- Brinksitzer Berghaus und
- Jürgens in Uptloh.
Um das Jahr 1665 wurden eine Reihe von Höfen vom Kirchspiel aus mit armen Heuerleuten besetzt, um sie vor Ausplünderungen zu schützen, so
- Stratmann, Ahausen
- Wille, Ahausen und
- Völker in Ahausen,
- Vellage, in Brokstreek
- Eckwisch, Brokstreek und
- Imbusch in Brokstreek,
- Budke in Bartmannsholte,
- Meyer und Clausgrethe [im Spieker] in Uptloh.
- In Beverdiek wohnten zwei arme Leute im Hause, um es "gegen Brandmeister von der Landstraße" zu schützen.
- Auf Vieks Stelle in Addrup wurden Heuerleute gesetzt, denen zwei Jahre Freiheit von der Schatzung versprochen wurde, "damit man wieder Leute ins Land bekäme".
- Ebenso war es bei Dirich beim Moore [Thole] in Addrup.
- Die folgende Aufstellung gibt einen Überblick über die sogenannten wüsten Höfe, die durch Brand, Raub und ansteckende Krankheiten ruiniert waren. Erst in der Zeit nach 1865 wurden sie wieder von ihren Besitzern bzw. von ihren Erben oder von neuen Kolonen bezogen. Auffallend ist, dass an der Heerstraße Essen-Vechta allein 8 Höfe ohne Wohnhäuser waren [mit X bezeichnet] und man kann annehmen, dass die Schweden "nach dem Abzuge aus dem Schwedenriek [Ahausen], in dem sie seit 1647 gehaust hatten, auf dem Wege nach Vechta, die Häuser absichtlich in Brand steckten.
Wüste Stellen in Wiek Essen:
- Schmied Tönnies,
- Klunder,
- Stroep,
- Bernd Vellage,
- Heinrich Vellage [genannt; Knipper, verbrannt]
- Simon Keller [verbrannt],
- Schumaker,
- Goßlich,
- Heukelmann,
- Henrich Tapken,
- Hof des Halberben Gerdt Veithaus,
- Johann uffr Hoffte [verbrannt].
In Osteressen:
- Brokhage,
- Werneke,
- kl. Nipper x,
- Heidtmann
In Ahausen:
- Stratmann,
- Völker,
- Wille,
- Niebur-Sandloh x.
In Herbergen:
- Hoopmann,
- Menke,
- Thobe.
In Brokstreek:
- Vellage,
- Eckwisch,
- Imbusch,
- kl. Crone.
In Bartmannsholte:
- Niemann,
- Budke.
In Uptloh:
- Meyer,
- Clausgrethe x,
- Berghaus x,
- Jürgens x,
- Berghaus.
In Bevern:
- Johann im Moore,
- Grewe x,
- Holthaus,
- Tinnermann x und auf dem Beverdiek.
In Addrup:
- Viek x,
- Göttke,
- Dirich beim Moore [Thole]
3. Hunger und mangelhafte Ernährung
- Teuerung und Hunger herrschten nicht nur in den Städten ,sondern auch auf dem flachen Lande. Gekochte Baumrinde und Gras mussten mit als Nahrung dienen. 1639 war die Ernte völlig missraten und der Rat der Stadt Quakenbrück klagte 1640, dass "wegen Misswachs am lieben Rogken viele mit den Schweinen von den Eicheln sich ernähren und aufhalten mussten." Auf dem Lande mussten sich die Leute mit Eichelbrot sauer ernähren. Im folgenden Jahre war infolge der Steigerung der Hase die ganze Gegend überschwemmt und noch nach zehn Tagen stand alles unter Wasser. So fiel auch in diesem Jahre die Ernte zum großen Teil aus.
4. Sittenverwilderung
- Adel, Geistlichkeit und Volk wurden in den laufenden Kriegshandlungen mehr und mehr demoralisiert. Die zuerst nach der Gegenreformation in Essen angestellten Geistlichen konnte man auf keinen Fall als zuverlässige Seelenhirten bezeichnen. Der erste, Konrad Grüther, musste wegen schwerer Verfehlungen mit 30 Talern Brüche und drei Wochen Haft bestraft werden. Kurz darauf verließ er Essen, weil er sich schwerer sittlicher Verfehlungen schuldig gemacht hatte. Auch der zweite, sein Nachfolger, Kornelius Arnoldi musste wegen anstößigen Lebenswandels seine Pfarre aufgeben und nach Lindern ziehen, wo sein sittliches Verhalten ebenfalls zu Tadel Anlas gab. Wie es bei der Bevölkerung in Essen um Religion und Sitte bestellt war, davon zeugt ein Protokoll aus dem Jahre 1658, in dem es heißt: "In Essen herrscht, was den Besuch der Kirche betrifft, eine solche Gleichgültigkeit und Kälte und Geringschätzung, dass die Eingesessenen die Feste der Apostel und der Muttergottes und andere, die in der ganzen katholischen Kirche gefeiert werden, nicht mitfeiern wollen, sich auch nicht schämen, dies öffentlich auszusprechen." Von der Einstellung der Bevölkerung zeugt auch das Verhalten gegenüber der Domina von Malgarten und den von ihr ernannten Geistlichen Brogbeeren und Schröder.
5. Kirchliche Verhältnisse
- Auch um die Kirchen und ihre Einrichtungen sah es in diesen Zeiten trübe aus. Die Krapendorfer retteten Paramente, Kelche und Monstranzen nach dem protestantischen Oldenburg.
In Essen waren nach dem Kriege die Kirchenfenster zerstört, die Bilder und Statuen vernichtet und die Beichtstühle entfernt, so dass der Pastor im Chorstuhle Beichte hören musste. Die wenigen Paramente waren kaum brauchbar. Das Dach der Kirche war stark beschädigt. Auf dem Altare fehlte das Kreuz. Von den vier Altären war nur einer leidlich in Ordnung, die übrigen durch Bänke unzugänglich. An Geräten waren nur zwei silbervergoldete Kelche und eine kleine silberne Pixis vorhanden. Das große Werk der Rekatholisierung, 1613 begonnen aber durch den langen Krieg behindert, wurde unter dem größten münsterischen Bischof Christoph Bernard von Galen vor allem durch zwei Maßnahmen vollendet, nämlich durch
a) Erwerb der Diözesanrechte, die Osnabrück im Niederstift besaß und die am 8.6.1668 vom Papst genehmigt wurden. Wie Osnabrück einst die Missionskirche Corvey abgelöst hatte, so trat jetzt Münster an die Stelle des halb säkularisierten Fürstbistums Osnabrück. b) alljährlich Visitationen [seit 1669], durch sorgsame Gesetzgebung, durch Wiederaufbau vieler zerstörter Kirchen und Kapellen, wodurch die Gegenreformation vertieft wurde, so dass die Bevölkerung, mit Ausnahme einiger adeliger Güter, wieder katholisch wurde. Zur Erinnerung an den Abzug der Schweden wird noch heute in Essen auf Himmelfahrt eine Dankprozession abgehalten, die zum erstenmal 1669 unter Pastor Schröder erwähnt wird.
Kriegsnot vor 200 Jahren
- Wenn man in unserer Heimat von Kriegsnot im Mittelalter spricht, dann denkt man in erster Linie an den unheilvollen 30-jährigen Krieg, der nicht nur die ländliche Bevölkerung, sondern auch vor allem die Bewohner der befestigten Städte in namenloses Elend stürzte. Für weite Kreise der Bevölkerung besonders für die Bauern waren die Lasten und Leiden des Siebenjährigen Krieges [1756 – 1763] nicht minder hart und drückend, wie unsere heimischen Geschichtsforscher Willoh [Geschichte der katholischen Pfarreien] und Dr. August Crone-Münzebrock [Familiengeschichte] beurkunden. Zwar spielten sich in diesem Kriege, der eine Auseinandersetzung zwischen Preußen unter Friedrich dem Großen und der Kaiserin Maria Theresia von Österreich um Schlesien war, in unserer Heimat, nur vereinzelt Kriegshandlungen ab, aber als Verbündeter Österreichs musste auch das Deutsche Reich am Kriege und seinen Leiden, Kosten und Lasten teilnehmen. Aus ihm entwickelte sich ein Kolonialkrieg zwischen England und Frankreich. Französische Soldaten haben mehrmals die Gegend von Friesoythe und das Sater1and heimgesucht. Im Sommer 1758 plünderte ein feindliches hessisches Jägerkorps die Stadt Vechta und der Leutnant Arend misshandelte den Guardian des Klosters mit Stockschlägen, um ihn zur Herausgabe von Geld zu zwingen. Die Stadt wurde mit einer Kontribution von 1000 Talern bestraft und 1762 wurde ihr vom Königlichen Großbritannischen Kommissariat eine erneute Kontribution von 3000 Talern auferlegt. Hinzu kamen tägliche Einquartierungen, Erpressungen und Plünderungen.
- Das Kapitels des Franziskanerklosters musste
- 1758 = 300 Taler,
- 1759 zunächst 500 Taler, dann innerhalb acht Tagen 1000 Taler, am
- 01.April 1760 = 1500 Taler, am
- 30.Januar 1761 = 1000 Taler in Gold und
- 1762 wiederum 1000 Taler in Gold als Kontribution zahlen.
- Da es nicht über soviel bares Geld verfügte, mussten die letzten 2000 Taler geliehen werden. Ähnlich wie Vechta, wird es auch anderen Gemeinden ergangen sein. Eine schwere Last wurden den Bauern aufgeladen. Mit Pferd und Wagen wurden sie immer wieder zu Kriegsfuhren herangezogen. So musste, nach den noch vorliegenden Familienpapieren Bauer Wangerpohl in Uptloh allein im Jahre 1760 zwanzig Kriegsfuhren, meistens mit einem Pferd, manchmal auch mit zwei Pferden nach Meppen, Osnabrück, Löningen, Lingen, Holte, Nienburg, Münster, Vechta und Rheine ausführen, in fast allen Fällen ohne Vergütung. Zweimal war an den Fuhren auch sein Nachbar Brüggehagen, beteiligt. Auch Dr. Crone erwähnt Kriegsfuhren nach Lingen, Osnabrück, Münster und Minden und dauernde Einquartierungen, Requisitionen, Plünderungen und Erpressungen, wodurch die Bevölkerung Essens in große Armut geriet. Ähnliche Beispiele sind auch in anderen Gemeinden nachzuweisen. Auch die bereits im 30-jährigen Kriege eingerissene Unsicherheit nahm wieder zu. Fürstbischof Christoph Bernard von Galen hatte damals aus der waffenfähigen Bevölkerung eine Landmiliz eingerichtet, die in Korporalschaften eingeteilt war, zu deren Führern altgediente Offiziere und Unteroffiziere bestellt wurden. Im siebenjährigen Kriege wurde die Miliz wieder neu belebt. In Lastrup durfte z.B. während des Krieges der Lehrer und Küster Awick einen Gehilfen halten, da er selbst, der auch Kirchspielsführer war, sechsmal im Jahre in den Gemeinden Lastrup, Lindern und Essen die Volksmiliz einexerzieren musste, insgesamt also an 18 Tagen. Aus dieser Zeit stammt auch die Einteilung der Vechtaer Bürger in Korporal Schäften, aus denen dann später die sogenannten Nachbarschaften entstanden sind. Vielerorts wurden auch die Bauern zur Lieferung von Brotkorn für einquartierte Truppen und zur Abgabe von Fourage [Roggen, Hafer, Heu und Stroh] für die Pferde aufgefordert. So entstand ein fühlbarer Mangel an Brotgetreide und Korn, der durch Misswachs in verschiedenen Jahren noch verschärft wurde. So schrieb der Vizekurat von Lastrup an das Generalvakariat in Münster:
- "Es ist hier eine solche Zeit, dass die guten Bauern diesen Winter hindurch selten Brod im Hause gehabt haben." Die Regierung des Stiftes Münster, unter der auch das Oldenburger Münsterland stand, sah sich daher gezwungen, am 20. Februar 1760 eine Verordnung wegen "Außerlandesbringung von Roggen, Haber, Heu und Stroh durch ohnziemliche Vorkäufe oder Verfahrung" und wegen Kontrolle der Vorräte herauszugeben. In der gedruckten Verordnung, die hier mit einigen Auslassungen im Wortlauf folgen soll, heißt es:
- "So wird Namens und von wegen hiesiger Hoch-Fürstlichen Münsterischen Geheimen Regierung allen und jeden Eingesessenen, wes Standes, Condition und Würden dieselben auch seyn mögen, hiermit gnädigst und wohlerstlich anbefohlen, dass
- 1. Keyner, wer der auch seye, sich bei ohnausbleiblicher Confiscationis und sonstiger schweren Strafe unter keinerley Vorwand unterstehen solle, einigen Roggen, Haber, Heu oder Stroh außer Landes zu verfahren, oder an Ein- und Ausheimische Vorkäufer oder Entrapteneurs verkaufen, dahingegen
- 2. Ein jeder befreyt - oder schatzbarer Untertan ohne Ausnahm den an Roggen, Haber, Heu und Stroh bei ihm obhandenen Vorrath, er möge selber ihm selbst anoch zugehörig, oder vor der Publikation dieser Verordnungen andere Ein- oder Ausheimische verkaufet seyn, binnen acht Tagen nach Publikation dieses bey jedes Orts Receptoren, Richtern oder Bürgermeistern mit der Bemerckung, ob selber ihme annoch zugehörig oder an wem, und wann verkaufet seye, getreulich angeben, obsonsten bey einer hernächst anzustellenden genauen Visitation die gleichmäßige Confiscation und andere schwere Strafe zu gewärtigen haben; mithin
- 3. Das vorhin davon verkaufte bis auf weitere Verordnung oder darüber erhaltene besondere Erlaubnüsse nicht abliefern; sodann
- 4. Besagte Richtere, Bürgermeister oder Receptores von den also angegebenen nach Maßgabe ihnen zuzustellenden Tabellen eine Verzeichnüsse aufrichten und selbe sofort an des Orts Beamten einlieferen, diese aber selbe zum geheimen Rat schicken, indes
- 5. Dasjenige, was ein jeder zu seiner selbst eigenen Notdurft und Consumption für Menschen und Vieh gebraucht, hier jeder zu erst bemeldeter eigen Consumption auf vier Monaten benöthigt zu seyn vermeinet, mit Bemerkung der Anzahl deren Persohnen und Viehes bei der Verzeichnüß seines Vorraths sogleich angeben, dasjenige aber, so er hernächst auf öffentlichen Marckte verkaufen wird, successive an besagtere Richtere, Bürgermeister oder Receptoren mit Benennung der Zeit, des Ortes und der Quantitaet allemahl anzeigen, obsonsten für dem vorher angegebenen Quanto angegeben werden solle. Damit nun obliege alles ohnverbrüchlich eingefolgete und besonders alle Unterschleife mit der Ausfuhr und Vorkauf sorgfältigst verhütet werden möge, so wird jeden Orts Beamten, Richtern, Gografen, Receptoren, Vögten, Führern und Provisoren, auch Bürgermeistern und Rathsmännern in den Städten und Wigbolten bei Vermeidung willkührlicher Ahndung hiermit anbefohlen, auf die Vollstreckung dieser Verordnung auf das genaueste zu halten und gegen die Contravenienten genauest zu invigilieren, auch mit aller Schärfe und obgemeldeter Strafe der Confiscation zu verfahren. Und soll dieses zu je eines jeden Wissenschaft zum Druck befördert, von denen Cantzeln verkündet, und an gewöhnlichen Orten affigiert werden.
- Urkund geheimen Cantzley-Insiegels und der Vidimation, Signatum Münster, den 20. Februarii 1760.
- Vt.C.A, von Ketteier. C.R. Münstermann.
- Diese vom Generalvikar des Hochstifts Münster von Ketteier unterschriebene Verordnung, die gedruckt von den Kanzeln verkündet und in den Gitterkästen aufgehängt wurde, bestätigt auch amtlicherseits die Notzustände im Siebenjährigen Kriege und beweißt, dass man auch schon vor 200 Jahren ähnliche rigorose Maßnahmen für die Sicherstellung der Volksernährung getroffen hat, wie in den letzten beiden Weltkriegen.
- Quellen:
- von Herrn Stickmann überlassenes Manuskript im Jahre 2006
- Herr Heinrich Bockhorst
- Oldenburger Staatsarchiv
- private Unterlagen,
- Aufgearbeitet v. H. Brümmer