Essen im 1. Weltkrieg
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Essen im ersten Weltkriege
- Mit stiller Wehmut denkt heute noch die ältere Generation an die vier Jahrzehnte ruhiger und friedlicher Entwicklung unter der Regierung der Hohenzollern [1871 – 1914], wo keine Kriegsgefahr den politischen Horizont verdunkelte und sich unser liebes Vaterland zur europäischen Großmacht entfalten konnte.
1. Wie der Weltenbrand entstand
- Der stille Friede wurde plötzlich gestört, als am 28. Juni 1914 der österreichische Thronfolger durch die Hand des Serben Princin meuchlings ermordet wurde. Das furchtbare Attentat hielt, vier Monate lang die Gemüter in Aufregung und wurde der Zündstoff zum größten der Kriege, den die Welt bisher erlebt hatte. Am 28. Juli 1914 erklärte Österreich an Serbien den Krieg. Daraufhin machte Russland mobil und Deutschland war als Mitglied des Dreibundes gezwungen, dem bedrängten Bundesgenossen zur Seite zu springen. Als dann Kosaken in Österreich und Ostpreußen eindrangen, begann der blutige erste Weltkrieg, der einen so hohen Tribut an Blut und Opfern forderte, wie ihn bislang kein Krieg von Deutschland verlangt hatte.
2. Essens Söhne im Kriege
- Schon in der Nacht vom 26./27. Juli erhielt die Gemeinde den Befehl, wegen der bestehenden Kriegsgefahr sofort bei Urban [Vorwerk] eine Brückenwache zur Abfangung von Spionen zu stellen, die bis zum 25.August 1915 im Amte geblieben ist. Am 01.August 1914, einem Samstag, erklärte Kaiser Wilhelm II. an Russland den Krieg. Zwischen fünf und sechs Uhr nachmittags wurde die telefonische Meldung von der Postbeamtin Frau Kessen-Albers aufgenommen und ging wie ein Lauffeuer durch die ganze Gemeinde. Die allgemeine Mobilmachung wurde befohlen und der 02. August: galt als erster Mobilmachungstag. Die ersten Reservisten fuhren ab zum Proviantsamt nach Oldenburg und am 11. August wurde der gediente Landsturm einberufen.
- Der Güterverkehr hörte auf und der Fahrplan der Bahn wurde auf Kriegsverhältnisse umgestellt. Die Jugend nahm die Kriegserklärung mit heller Begeisterung auf, während sie bei den Familienvätern von der Sorge um die Angehörigen überschattet wurde.
- Am 05. August vereinten sich die ausziehenden Krieger zu einem feierlichen Gottesdienste in der Pfarrkirche, und seit dieser Zeit war jeden Morgen die Kirche voll besetzt. Gar bald machten sich die Wirkungen des Krieges bemerkbar. Über vier Wochen fuhren ununterbrochen Militärzüge mit Soldaten und Kriegsgerät in bunt geschmückten Wagen durch Essen zur Front. Die Essener Frauen und Mädchen bewirteten sie mit Milch, Eiern und Tabak. Mit stolz geschwellter Brust zogen gleich zu Kriegsanfang über zweihundert Väter, Söhne und Brüder in den Krieg, der sich in vier Jahren auf fast ganz Europa ausdehnte. An der Seite ihrer Bundesgenossen kämpften sie in Österreich und Italien und der Türkei, vertrieben die Russen aus Ostpreußen und drangen tief in russisches Gebiet ein, in Belgien, Frankreich, Serbien und Rumänien. Wenn auch mit den Strapazen und Entbehrungen der langen Kriegsjahre die innere Begeisterung abflaute, so erfüllte doch jeder in gedenk seines Fahnes Eides treu und gewissenhaft seine soldatische Pflicht in Liebe und Sorge für Vaterland, Heimat und Familie.
3. Kriegsopfer
- Den männermordenden Waffen des modernen Krieges [Gewehre und MGs, Minen und Flammenwerfern, Fliegerbomben, Tanks und Giftgasen] hat Essen einen hohen Tribut zahlen müssen.
- Von insgesamt 1017 Männern aus der Gemeinde, einem kriegsstarken Bataillon, mussten 177 ihr junges Leben lassen. Sie ruhen zum weitaus größten Teil auf den in Europa zerstreuten 8900 deutschen Heldenfriedhöfen. 54 gerieten in Kriegsgefangenschaft und 104 holten sich in den nassen Schützengräben, auf den unendlich langen Märschen und im Trommelfeuer der Großschlachten den Keim einer schleichenden Krankheit, der sie in den Nachkriegsjähren erlagen. Wieder andere retteten zwar das Leben, mussten aber in der Heimat als Krüppel unter dem Verlust ihrer gesunden Glieder leiden.
- Als erste Opfer fielen am 22. August 1914
- W. Bergfeld, Hengelage,
- G. Flerlage, Addrup und
- Hallermann, Ahausen.
- Und dann rissen vier Jahre lang die Todesnachrichten nicht ab.
- Vier Söhne verlor Ww. Nipper, Essen,
- je drei Bauer Böckmann und Pächter Döbbeler, Brokstreek sowie H. Flerlage, Addrup.
- Und dann kehrten die überlebenden heim nach dem Waffenstillstand am 09.November 1910, enttäuscht über den unglücklichen Ausgang des Völkermordens, aber doch mit dem stolzen Bewusstsein, den Feind vom eigenen Lande ferngehalten und ihm die Leiden und Verwüstungen des Krieges erspart zu haben. Mit unverminderter Tatkraft und Energie setzten sie sich nach ihrer Rückkehr für die Beseitigung der im langen Krieg entstandenen Schäden ein.
4. Kriegsnot in der Gemeinde
a) kein Licht
- Die erste wirtschaftliche Folge des Krieges war schon bald nach der Mobilmachung die Lichtknappheit, da Petroleum, das gängige Beleuchtungsmittel, nicht mehr zu haben war. Schon im November 1914 wurde die Anlage einer elektrischen Leitung erwogen, wozu sofort 11000 Mark freiwillig gezeichnet wurden. Bei der von der Gemeinde erworbenen Dreesmannschen Mühle wurde ein Elektrizitäts- und Mühlenwerk gegründet und November fing man mit: der Kabellegung und den Hausanschlüssen an. Im Februar 1915 wurde das Straßenlichtnetz gebaut und am 08.März 1915 bei 3000 Meter Netzlänge der Betrieb eröffnet. Ende April wurden auch das Krankenhaus und der Achterort an das Netz angeschlossen.
b) Futtergetreide und Brot werden knapp
- Schon nach den ersten Kriegstagen mangelte es den Mästern an Futtergerste und nur mit dem Hinweis auf baldige Lieferung neuer Gerste ließen sie sich zur Weiterführung bewegen. Aber erst im März 1915 traf sie ein und beschränkte sich in der Zukunft auf Ersatzfuttermittel verschiedenster Art. In den letzten Kriegsjahren wurden von vielen Landwirten Mastverträge mit der Marine, der Stadt Bremen und der Fa. Krupp abgeschlossen. Zur Sicherstellung der Brotnahrung erging schon im November 1914 das Verbot, Getreide wie: Roggen und Weizen an Vieh zu verfüttern. Weizenmehl wurde mit Roggenmehl und dieses wieder mit Kartoffeln gestreckt [Kriegsbrot].
- Am 01.Februar 1915 erfolgte die Beschlagnahme des Brotgetreides. Plombierung der Schrotmühlen, Kundenliste für Müller und Brotkarten für Nicht-Selbstversorger waren die Folge.
- Selbstversorger erhielten pro Monat 18 Pfund Brot.
- Nicht-Selbstversorger täglich 200 Gramm Brot.
- Die Brotpreise betrugen am 15.März 1915 pro Pfund:
- Brötchen 12 1/2 Pfennig,
- Kriegsbrot 16 Pfennig,
- Weizenbrot 35 Pfennig,
- Zwieback 60 Pfennig.
- Ende des Jahres wurde die Ration für Selbstversorger auf 13 Pfund herabgesetzt. Bei wachsender Brotknappheit wurde im August 1917 der Höchstpreis für Roggen von 220,00 auf 270,00 Mark erhöht und im September wurden sämtliche Getreidevorräte beschlagnahmt. Nach dem Kriege wurde am 01.Juni 1920 die Zwangswirtschaft durch ein Umlegverfahren ersetzt.
c) Bewirtschaftung von Fleisch, Milch, Butter und Eier
- Noch schlimmer als die Brotknappheit wirkte sich mit der Zeit der Mangel an Fleisch aus, so dass auch hier die Bewirtschaftung einsetzen musste. Sie begann 1914 mit dem Schlachtverbot von Kälbern über 75 kg und Rindern unter sieben Jahren.
- Die Preise stiegen an und betrugen im Oktober 1915 pro kg;
- Rindfleisch 2,10 Mark,
- Talg 2,80 Mark,
- Speck 4,80 Mark und
- Butter 6,2o Mark,
- Im Dezember 1915 wurde das Verbuttern von Milch verboten. Für Minderbemittelte wurden Butterkarten ausgegeben. 1916 erfolgte ein Ausfuhrverbot für Schweine und die Bewirtschaftung von Milch und Butter setzte ein, was eine Plombierung der Zentrifugen und Butterkannen zur Folge hatte. Im Steckrübenwinter 1916 wurden bereits am 31. August Fleischkarten eingeführt. Privatschlachtungen durften nur mit Erlaubnis der Behörde erfolgen. Der Eierpreis stieg auf 20 Pfennig und Nichtviehhalter konnten von der Molkerei Magermilch für 10 Pfennig beziehen. Infolge der Lebensmittelknappheit setzten Hamsterei, Tauschhandel und Fleischdiebstähle ein. Einbrüche, bei denen Fleisch, Speck, Schinken, Schmalz und Enten oft in großen Mengen entwendet wurden, waren an der Tagesordnung. Noch einige Tage nach Kriegsschluss wurden auf dem Bahnhof in Brokstreek drei Männer aus dem Ruhrgebiet festgenommen, die 200 Pfund gestohlene Fleischwaren falsch deklarieren wollten.
- Beim Waffenstillstand kosteten pro kg:
- Rindfleisch 4,00 Mark,
- Kalbfleisch 3,00 Mark,
- Schaffleisch 3,00 Mark und
- Pökelfleisch 4,20 Mark.
- Am 01. Juni 1921 wurde die Bewirtschaftung von Fleisch, Fett und Kartoffeln aufgehoben.
d) Kartoffeln und Gemüse
- Nach Erhebung der Kartoffelvorräte Anfang 1916 wurde für Oldenburg eine Kartoffelabgabe von 575000 Zentnern angeordnet.
- Im Oktober 1916 wurden Ausfuhr und Verfütterung von Kartoffeln verboten. Pro Kopf durften täglich 1 1/2 Pfund verbraucht werden. Gegen Kriegsende wurden große Mengen Obst, Gemüse, Pilze, Beeren und Brennnesseln gesammelt und abgeliefert. Vollbetrieb war in der Marmeladenfabrik von gr. Arkenau, so dass die laufenden Aufträge an "Hindenburgfett" kaum erledigt werden konnten.
5. Freie Liebestätigkeit
a) Ausschuss für Kriegshilfe – Frauenverein
- In der Ausübung freier Liebestätigkeit für ihre Soldaten, für Verwundete und für bedürftige Einwohner hat die Gemeinde Essen vorbildliche Arbeit geleistet, die von keiner anderen Gemeinde des Münsterlandes übertroffen worden ist.
- Schon am 16.August 1914 berieten tatkräftige Männer und Frauen der Gemeinde über Art und Weise der Kriegshilfe. Zunächst wurden Listen der eingezogenen Krieger und der Bedürftigen angelegt.
- Dann wurden gebildet ein Ausschuss für Kriegshilfe
- August Meyer und Bahnhofswirt Witte, zu denen 1915 Postmeister Brackmann und Bauer Gravenhorst Ahausen traten.
- und ein Frauenverein
- Frau Aug. Meyer als Vorsitzende,
- Frau Hauptlehrerin Funke,
- Frl. M. Diekmann,
- Frl. Josef Lübbe [Markt],
- Frau Uhrmacher Diekmann,
- Frl. M. Brengelmann und
- Frl. Lehrerin Johanna Kröger.
- Während der Ausschuss, den 26 Sammler in der Gemeinde zur Seite standen, durch monatliche Sammlungen für die Aufbringung der Gelder für Liebesgaben Sorge trugen, blieb dem Frauenverein die Beschaffung, Verpackung und der Versand der Gaben vorbehalten.
b) An die im Felde stehenden Essener Soldaten wurden versandt am
- 22.10.1914 je ein Liebesgabenpaket an sämtliche Krieger der Gemeinde, am
- 30.11.1914 = 270 Pakete mit Wäsche, Kopfschützern und Strümpfen,
- ab 01.10.1914 allwöchentlich Lesestoff, ab 1915 alle zwei Wochen durch Rektor Menke (bis 01.Januar 1917 = 35000 Sendungen, am 15.02.1915 - 318 Pfundpakete mit Speck, am
- 29.05.1915 -Liebesgabenpakete an alle Soldaten, am
- 07.11.1915 nach Schlachtung von drei fetten Schweinen 500 Fett- und Fleischpakete und Geschenkartikel im Werte von 1500 Mark, am
- 16.03.1916 Eierpakete an alle Soldaten, am
- 16.09.1916 = 500 Eierpakete, am
- 03.12.1916 = 700 Pakete mit Honigkuchen und Geschenken (Zuschuss vom Amte Cloppenburg 150 kg. Weizenmehl und 75 kg Zucker), am
- 17.09.1917 Weihnachtspakete an unsere Soldaten (Zuschuss, vom Amte Cloppenburg 100 Pfd. Marmelade, 125 kg Mehl, 62 Pfund Kunsthonig, 31 Pfund Zucker).
c) an das Rote Kreuz zur Weiterleitung am
- 30.10.1914 = 4 Kisten mit 290 Pfund Speck, am
- 03.12.1916 eine halbe Escadronkiste mit 150 Zigaretten und 150 Gaben an die Front,
- am 04.12.1918 = 880 Mark für Weihnachtspakete an 44 Kriegsgefangene aus Essen.
d) an die kriegsgefangenen Soldaten am
- 16.11.1916 Normalpakete á 8,00 Mark für Kriegsgefangene in Frankreich,
- 17.09.1917 Normalpakete á 15 Mark an Kriegsgefangene in Frankreich, Russland und England.
e) an minderbemittelte Angehörige von eingezogenen Essener Soldaten am
- 05.04.1915 Pflanzkartoffeln, Kunstdünger und Sämereien,
- 08.12.1915 Strickwolle, geliefert vom Roten Kreuz an bedürftige Frauen und Mädchen zum Stricken (1 Paar Socken = 1 Mark), ebenfalls am
- 16.04.1916.
- 13.03.1918.
- 30.10.1918.
f) Geldspenden an sonstige Liebestätigkeit
- 20.09.1915 - verschiedene Frauen erhielten aus der Kleinkinderspende je 20 Mark,
- 30.05.1916 - an den "Deutschen Frauendank" - 643 Mark [Kronprinz Cäcilie].
- 01.12.1916 - Speck aus Hausschlachtungen an bedürftige Rüstungsarbeiter.
- 1915-1918 - Aufnahme bedürftiger Industriekinder [1917 = 104 Kinder].
- 07.01.1917 - Geldsammlung für Soldatenheime durch die Jungfrauen-Kongregation.
- 24.02.1918 - Ausschuss für Kriegshilfe bewilligte 110 Mark für Rotes Kreuz, 50 Mark für Soldatenheime, 10 Mark für Malteserorden, 50 Mark für Säuglingsheime.
- 15.03.1918 - für arme Kinder wurden Kommunionsausstattungen genäht.
- Für ihre vorbildliche Liebesarbeit erhielten die Mitglieder des Ausschusses für Kriegshilfe das Friedrich-August-Kreuz, 21 Mitglieder des, Frauenvereins die Kriegsverdienstmedaille und die Schwestern die Rote-Kreuz-Medaille.
Am 29.April 1918 wurde Frau Aug. Meyer geb. Darrelmann, die Vorsitzende des Frauenverein, unter Anteilnahme der ganzen Gemeinde zur letzten Ruhe bestattet. Rastlos und unermüdlich war sie tätig, Kriegswunden und Not zu heilen und zu lindern.
6. Katholische Kirche im Weltkriege
- Gleich nach Kriegsbeginn ermahnte Pfarrer Kühling seine Pfarrkinder zum Gebet für den Frieden, zur Liebestätigkeit und zur Vermeidung unnützer Ausgaben.
- Das Abstinenzgebot wurde aufgehoben und die Feldarbeit am Sonntag zugelassen. Am 20. August 1914 starb Papst Pius X. und am 03. September1914 wurde Benedikt XV, zum Nachfolger gewählt. In einem feierlichen Triduum weihte sich die Gemeinde dem Herzen Jesu, und am 07. Januar 1915 wurde erstmalig das vom Papst verfasste Kirchengebet "In der Not und Angst eines Krieges" vorgebetet.
- Im Sommer 1915 Wallfahrteten 789 Männer und Frauen nach Bethen, wo Bischof Amandus Bahlmann das Festhochamt hielt. Die Anti-Alkoholbewegung, der 160 Mitglieder beitraten, erhielt durch einen Vortrag von P. Franke neuen Auftrieb.
- Am 18. Juni 1916 wurde Pfarrer Kühling auf der Kanzel vom Schlage gerührt und am 29. März 1917 wurde Pfarrer Hegger als sein Nachfolger durch Dechant Brust eingeführt.
- Im Juni 1916 wurden die große Glocke und die Notglocke beschlagnahmt und am 15. August abgenommen, nachdem man vergeblich versucht hatte, sie zu zerschlagen.
- Am 30. November 1917 begann in Essen eine große Volksmission. Nach dem Weltkriege stellte am 05. März 1921 der Ausschuss für Kriegshilfe 3200,00 Mark für eine Gedenktafel für die Gefallenen zur Verfügung, die von Bildhauer Bolte in Münster ausgeführt wurde.
7. Schulen im Weltkriege
- Naturgemäß mussten unter den Kriegsfolgen auch die Schulen leiden. 1915 wurden die Schulabgänger vorzeitig entlassen und Kinder der oberen Schuljahre konnten auf Antrag vom Schulbesuch befreit werden. Wegen Einberufung der jungen Lehrer herrschte bald Lehrermangel, so dass verschiedene Schulen vom Hauptlehrer durchgeschleppt und verkürzter Unterricht eingeführt werden musste. Zweimal mussten die Schulen geschlossen werden. Anfang 1917 für 2 ½ Monate wegen Kohlenmangel und im September 1918 wegen Grippe. Am 24. November 1918 wurde die Ortsschule als Quartier für Soldaten, die in Essen demobilisiert wurden, ausgeräumt.
8. Verwundete und Gefangene
- Das St.-Leo-Stift diente vom 15. September 1914 - 30. November. 1915 als Lazarett für deutsche (insgesamt 91) und vom 08. Dezember. 1915 für ausländische (insgesamt 92) Kriegsverwundete. Zu Weihnachten 1914 und 1915 bereiteten Frauenverein und junge Mädchen den Verwundeten eine Tannenbaumfeier mit Bescherung. Durchfahrende Lazarettzüge wurden mit Liebesgaben beschenkt und am 22. Dezember 1914 bewilligte die Gemeinde 500,00 Mark für Lazarettzug-Ausrüstung. Für Kriegsgefangene wurde am 10. April 1915 im Herberger Zuschlag ein Gefangenenlager eingerichtet. Die Insassen wurden mit Kultivierungsarbeiten auf dem Gute Calhorn und in den Forsten beschäftigt. Weil die Frontsoldaten besonders in den letzten Kriegsjahren nur schwer Arbeitsurlaub erhielten, wurde von der Gemeinde aus auf vermehrte Zuweisung von Kriegsgefangenen gedrungen.
9. Leben in den Vereinen
- Durch Aufklärung, Erlebnisschilderungen aus dem Kriege, Berichte über die Kriegsschauplätze und durch Zusendung von Liebesgaben an ihre Mitglieder wurden auch die verschiedenen Vereine ihren verantwortungsvollem Aufgaben gerecht.
a) Der Arbeiterverein
- stiftete gleich zu Anfang 150,00 Mark für bedürftige Mitglieder,
- Vorträge hielten von 1914 – 1916:
- Vikar Pölking: "Erlebnisse als Krankenträger",
- Sekretär Sante: "Krankenkassen im Kriege",
- Hauptlehrer Kohorst: "Moderne Seeschlacht",
- Kaplan Raters: "Erlebnisse in der Gefangenschaft",
- P. Beckermann: "Flucht aus Italien",
- Hauptlehrer Kohorst: "Mit Hindenburg durch Russland",
- Lehrer B. Tiemann: "Kriegserlebnisse" und am 19. März 1916 Lichtbildervortrag: "Zeppelin und Flieger".
- Gegen Ende des Krieges erfolge eine Neuordnung des Arbeitervereins, der im Kriege stark gelitten hatte.
b) Der Kriegerverein
- versandte zu Weihnachten 1914 für 115,00 Mark Liebesgaben an seine Soldaten-Mitglieder, gleichfalls am 08. August 1915 und am 11. Dezember 1915. Gemeinsam mit dem Frauenverein veranstaltete er theatralische Vorführungen zum Besten der Soldatenheime. Vorträge hielten:
- Hauptlehrer Kohorst: "Russland",
- Steuerinspektor Witte: "Weltkrieg und kriegführende Mächte" (in Bevern). Am 18. November 1917 Gründung einer Krieger-Heimat,-Gruppe.
c) Eine Jugendwehr
- wurde am 12. Oktober 1914 vom Kriegerverein ins Leben gerufen [Vorsitzender Fr. Brackmann]. Die Jugendwehr war drei Züge stark unter den Führern Gendarm Hibbeler, Ignatz Menslage, Franz Meyer und Heinrich Schwegmann.
- Größere Übungen: am
- 25. Oktober 1914 und am
- 18. April 1915 mit Jugendwehr Quakenbrück, am
- 21. März 1915 in Gegend Cloppenburg, am
- 27. Juni 1915 ganztägige Übung zwischen Cloppenburg und Friesoythe, am
- 21. Mai 1916 Besichtigung durch Generalmajor Hippe.
- Weihnachten 1916 war ein Unterhaltungsabend mit Lichtbildervortrag von Kaplan Hoyer und am 25. März 1917 Rekruten-Exerzitien.
d) Rotes Kreuz:
- Am 07. September 1914 - Gründung eines Ausschusse für das Amt Cloppenburg,
- Am 10. Oktober 1915 - Gründung des Zweigvereins Essen mit dem Vorstand Kaufmann Meyer, Direktor Menke, Hauptlehrer Ed. Engeln.
- Am 05. Oktober.1914 - wurde für das Rote-Kreuz 1000,00 Mark gesammelt.
e) Volksverein
- Vorträge hielten Sante und Kaplan Zumbrägel: "Deutschland im Weltkriege" [Bevern]. Am 12. November 1916 war ein Lichtbildervortrag von den Kriegsschauplätzen, 1917 und 1918 ebenfal1s Versammlungen.
f) Im Landwirtschaftlichen Verein
- hielten Vorträge:
- Direktor Heinen: "Zweck der landw. Wohlfahrtspflege",
- Steuerinspektor Witte: "Aufgaben der Landwirtschaft während des Krieges",
- am 11. Februar 1917 Rechtsanwalt Lühring: "Kriegs- und Besitzsteuern",
- 09. Juni 1917 Rektor Kramer: "Durchhalten." und Steuerinspektor Witte: "Sorge für die Feldgrauen".
g) Die Freiwillige Feuerwehr
- Essen trat bei folgenden Bränden in Tätigkeit:
- 01. Mai 1916 Wohnung und Stall des Eigners Thiemann in Addrup,
- 20. Februar 1916 Hof Crone-Münzebrock in Ahausen,
- 27. Juni 1916 Arbeiter Niemann, Achterort,
- 30. April 1917 Eigner Josef Wille, Essen,
- 09. Mai 1917 Scheune des Zellers Ostendorf, Brock,
- 23. Mai 1917 Waldbrand in Bartmannsholte [Hoppe und Taphorn].
10. Nach Kriegsschluss
- 09. November 1918 - Waffenstillstand - Ausbruch der Revolution.
- 11. November 1918 - Rücktritt des Großherzogs Paul Friedrich August und Verzicht auf Thronfolge. Matrose Bern. Kuhnt wurde Präsident des neuen Freistaats Oldenburg, der am
- 01. März 1919 durch von Finckh abgelöst wurde.
- 01. - 18. Dezember 1918 - Fast täglich Durchzüge zurückkehrender Soldaten. Viele einheimische Soldaten kehrten heim, zu Fuß, per Bahn, einzeln oder in Trupps.
- 18. und 20. Februar 1919 - Kriegerheimkehrfeste bei Schwegmann und Strothmann.
- 10. Dezember 1918 - 500 Soldaten rheinischer Regimenter wurden in Essen einquartiert. Ihnen zu Ehren war zu Weihnachten eine Tannebaumfeier mit Bescherung und Spiel durch Frauen und Mädchen der Gemeinde organisiert worden.
- 07. Dezember 1918 - Bei Pferdeversteigerung aus Heeresbeständen erhalten viele Landwirte Pferde zu niedrigen Preisen für die Landarbeit.
- 15. Dezember 1918 - In einer Volksvereinsversammlung sprach Dechant Hackmann aus Cloppenburg über Pflicht und Notwendigkeit der Teilnahme an den Wahlen zur deutschen Nationalversammlung.
- Am 04. Januar 1919 - sprach in einer Zentrumsversammlung Reichsgerichtsrat Burlage.
- 19. Januar 1919 - Wahlen zur Nationalversammlung
- 06. Februar 1919 - Zusammentritt in Weimar
- 23. Februar 1919 - Wahlen zur verfassunggebenden oldenburgischen Landesversammlung. Gewählt wurde an erster Stelle Dr. Driver, Oldenburg, an zwölfter Stelle Frau Kaufmann Brand, die ein Jahr ihr Mandat ausübte [gest. 1956].
- 04. März 1919 - Aufruf zur Bildung von Einwohnerwehren
- Januar 1920 - Abzug der meisten russischen Kriegsgefangenen.
- Bis zum 23. März 1920 waren 61 deutsche Kriegsgefangene heimgekehrt.
- 28. April 1920 - Begrüßungsfeier.
- 06. Juni 192 0 - Wahlen zum neuen Reichstag. Burlage in Essen erhielt 1705 Stimmen.
- 1920 – 1927 - Einweihung der Kriegerdenkmäler:
- Osteressen – 26.06.1920
- Addrup - 29.06.1921
- Herbergen - Pfingsten 1924
- Bartmannsholte - 29.10.1927
- Essen 1927
Inflation
- Zu den trübsten Perioden unseres bewegten Jahrhunderts ist neben den Jahren der beiden Weltkriege ohne Zweifel die Zeit der Inflation von 1920 - 1923 zu rechnen.
- Das Wort Inflation ist lateinischer Abstammung und bedeutet die Aufblähung des Umlaufs an Zahlungsmitteln, insbesondere von Papiergeld. Die Inflation war eine Folge des verlorenen Krieges 1914/18, des dadurch hervorgerufenen Verlustes fruchtbarer und an Bodenschätzen reicher Landesteile wie Elsaß-Lothringen, Saargebiet, Westpreußen, Pommern und Oberschlesien und vor allem die Unmöglichkeit, die harten Bedingungen des Friedensvertrages zu erfüllen.
- In den ersten Jahren nach dem Kriege kamen diese Folgen unserer ländlichen Bevölkerung nicht recht zum Bewusstsein. Als aber im Februar 1920 schwarze Truppen Hessen, Aachen und die Pfalz besetzten, als im Mai der Polenaufstand in Oberschlesien ausbrach, als Mai-Juni die Alliierten durch das Ultimatum wegen Nichterfüllung der Bedingungen das Ruhrgebiet besetzten und im Herbst ein Teil von Oberschlesien abgetrennt wurde, sah auch der einfache Bürger ein, was man mit dem deutschen Volke vor hatte. In unserem Vaterlande entstand ein heißer innerer Kampf zwischen Zentrum und Linksparteien einerseits, die durch Verhandlungen mit den ehemaligen Gegnern eine Milderung der Friedensbedingungen zu erreichen suchten und den Rechtsparteien andererseits als extreme Gegner der sogenannten Erfüllungspolitik. Das Zentrum, zu dem die Wähler des Oldenburger Münsterlandes standen, verlor in dieser Zeit zwei namhafte Politiker: Am 20. August 1921 starb der aus Löningen stammende Reichsgerichtsrat Burlage und am 27. August 1921 wurde Reichstagsabgeordneter M. Erzberger von aufgeputschten Rechtselementen ermordet. Im Jahre 1922 verschärfte sich der innere Kampf vor allem durch die Erklärung des großen Deutschenhassers Poincaré, der auf der Konferenz von Genua im Mai 1922 erklärt, dass ihm ein demoralisiertes und zertretenes Deutschland lieber sei als ein wohlgeordneter Nachbarstaat. So fiel als nächstes Opfer am 24. Juni 1922 Walter Rathenau durch Mörderhand radikaler Rechtselemente. Am 15. November demissionierte das Kabinett Wirth und an seine Stelle trat das Kabinett Kuno. Wie nun sollte unser armes Vaterland den Bedingungen des Friedensvertrages nachkommen? Seine Goldvorräte waren durch den langen Krieg völlig ausgeschöpft und in Kriegsanleihen aufgegangen. Die Mark, die früher als eine der stabilsten Währungen der Welt gegolten hatte, war schon im Kriege an Wert gesunken und Anfang 1920 zahlte man für einen Goldfuchs [20 Mark] als zuverlässigsten Wertmesser 220 Papiermark, also kaum 1/10 des alten Wertes. Als dann die Rotationspresse immer neue Geldscheine ausspie, ohne dass dafür auf die Dauer Deckung vorhanden war, nahm die Entwertung der Mark rapide zu.
- Am 02. Januar 1922 betrug der Dollarkurs 186,56, die Mark war also nur mehr 2,3 Pfennig wert.
- Im März fiel der Wert auf 263,00
- im Juni auf 331,00
- im Juli auf 669,00
- im August auf 1168,00 im September auf 1550,00
- im Oktober auf 4187,00
- im November auf 5775,00
- und erreichte Ende des Jahres 7600,00 = 0,055 Pfennig.
- Im folgenden Jahre fiel die Mark ins Unendliche und wir waren alle zu armen Millionären geworden, bis zuletzt eine Billion Papiermark kaum 1 Mark galt. Die Folge war, dass auch die Lebensmittel dauernd stiegen, ebenso die Preise für Kleidung und Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens.
- Quellen:
- Private Recherchen.
- Heimatarchiv
- Herr Strickmann
- Herr Bockhorst
- Die Unterlagen stehen zur Verfügung.