Einfluß der Frauen auf die Geschichte der Gemeinde Essen
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Einfluß der Frauenauf die Geschichte der Gemeinde Essen
von Heinrich Bockhorst
Wohl jeder ehrsame Essener Bürger wird beim Lesen der Ueberschrift den Kopf schütteln und bei sich denken: „Was haben denn schon die Frauen bei uns zu sagen gehabt!" Mag sein, daß sie sich im politischen Leben und in der Verwaltung der Gemeinde wenig betätigt haben, dafür haben sie aber, was die folgenden Ausführungen beweisen mögen, in kirchlicher Hinsicht durch mehr als acht Jahrhunderte einen wesentlichen Einfluß auf die Geschicke der Gemeinde ausgeübt. Wenn man bedenkt, daß im Mittelalter Kirche und Staat viel enger miteinander verbunden waren als in heutiger Zeit, und daß die Kompetenzen der Kirche und die des Staates oft ineinander übergriffen, so gewinnt der Einfluß der Frauen erhöhte Bedeutung.
Gleich im. Anfang der Geschichte Essens, soweit sie in Urkunden überliefert ist, steht eine Frau. Es wird berichtet, daß während der Regierungszeit des Kaisers Otto I. die Gräfin Alaburg oder Altburg, die Gemahlin des Gaugrafen Heinrich vom Lerigau, kurz nach 968 in Assini, wie damals der Ort Essen genannt wurde, eine Kirche zu Ehren des hl. Pakratius und anderer Heiligen errichten ließ. Es war ein einfaches, leichtgebautes Holzkirchlein, das von ihrem Sohn, dem Bischofe Ludolf von Osnabrück, eingeweiht wurde, aber schon nach wenigen Jahren einstürzte. Ihr zweiter Sohn, Gaugraf Gotschalk, stellte die Kirche in den Jahren 978-980 wieder her und ließ sie durch den Nachfolger Ludolfs, Bischof Kuno, einweihen. Als Mitgift für die neue Kirche zum Unterhalt des Priesters und zur Abhaltung des Gottesdienstes schenkte Gräfin Alaburg mit Zustimmung ihrer Söhne laut Gründungsurkunde 5 Bauernhöfe aus dem Kirchspiel Essen und 5 aus der weiteren Umgebung. Die Gräfin als Stifterin behielt auch für die Zukunft das Patronatsrecht, d.h. sie konnte jeweils die erledigte Pfarrstelle neu besetzen.
Zweihundert Jahre später war es wieder eine Frau, welche in die Geschichte Essens bestimmend eingriff. Im Jahre 1175 gründeten nämlich Graf Simon von Teklenburg und seine Mutter Eilica (Elisabeth) auf ihren Besitzungen in Essen ein Nonnenkloster, in dem fromme Jungfrauen nach der Regel des hl. Benedikt ein gottgefälliges Leben führen konnten. Daß die Mutter Eilica die treibende Kraft der Neugründung gewesen ist, kann man leicht aus verschiedenen Andeutungen der Stiftungsurkunde feststellen. Es heißt darin anfangs: „Ich, Graf Simon von Teklenburg, advokatus der Osnabrücker Kirche, mache Gegenwärtigen und Zukünftigen bekannt, auf welche Weise ich und meine Mutter Eilica in Hoffnung eines ewigen Geschenkes und zum Seelenheil meiner Vorfahren mit Zustimmung meiner Gattin und meiner Söhne auf unserer Besitzung in Essen ein Kloster errichtet und dort die Gott dienenden Nonnen versammelt haben.“
Die Idee der Gründung wird nicht vom Grafen selbst ausgegangen sein, denn sowohl bei ihm wie auch bei seinen Nachfolgern läßt sich ein ausgesprochen religiöser Sinn nicht feststellen. Das mag auch daraus hervorgehen, daß, Graf Otto sich die Ausstattung des Klosters sehr leicht machte, indem er einfach die Essener Pfarre aufhob, ihre Einkünfte nebst einigen neuen Stiftungen (laut Stiftungsurkunde) zum Unterhalt des Klosters bestimmte und das Kloster mit der Seelsorge in der Pfarrgemeinde beauftragte. Noch deutlicher tritt der Einfluß der Mutter bei der Neugründung hervor, wenn wir der Sage glauben wollen, die berichtet:' „Graf Simon erkrankte schwer an einem bösartigen Geschwür am Schienbein. In kurzer Zeit hatte die Krankheit den Knochen zerfressen. Als menschliche Hilfe versagte, wandte er sich auf den Rat seiner Mutter Eilica an die Jungfrau Maria und gelobte, ihr zu Ehren ein Benediktinerkloster zu errichten. Wie durch ein Wunder wurde sein Gebet erhört, und nun zögerte der Graf nicht mehr, sein Gelübde zu erfüllen."
Auf die Dauer sollte sich die neue Gründung trotz des guten Willens, der Stifterin ungünstig für Essen auswirken. Nach acht Jahren brannte das Kloster ab. Böse Zungen behaupteten, der Graf habe seine Hand dabei im Spiele gehabt, um an der Stelle des Klosters eine Burg errichten zu können. Das Kloster wurde nicht wieder aufgebaut, es wurde viel mehr mit dem neu gegründeten Kloster Malgarten bei Bramsche vereinigt dem auch die Rechte und Einkünfte des Essener Klosters überwiesen wurden. Dafür mußte Malgarten die Seelsorge in der Kirchengemeinde übernehmen und dort einen Weltgeistlichen unterhalten. Diesem wurde zwar ein neues Pfarrhaus erbaut, an Einkünften wurden ihm aber nur soviel zugebilligt, als er zu einem einigermaßen anständigen Leben notwendig hatte. In der Hauptsache war er auf Haus, Garten und den Gosekamp angewiesen. Alles andere behielt Malgarten für sich und veräußerte mit der Zeit wertvolle Ländereien, so die Wedemeierstelle, (das ehemalige Wehdumb = Pfarrhof), das Malgartenland nördlich vom Orte (jetzt Sägerei G Taphorn) und die Klosterländereien in der Magorde und an der Magordebrücke.
Noch übler als der Verlust an Landbesitz sollte sich das Patronatsrecht für die Kirche in Essen auswirken, das ebenfalls mit der Verlegung des Klosters an Malgarten gefallen war und ständig beansprucht wurde: 1613 heißt es: „Pastoratus in Essen patronatus habet Abbatissa Malgartensis" und 1651: „Die Domina in Malgarten hat das Patronatsrecht." Um dieses Recht, das von der jeweiligen Äbtissin oder Domina des Klosters Malgarten gemeinsam mit dem Konvent, also nur von Frauen, ausgeübt wurde, entstanden im Laufe der Jahrhunderte, heiße Kämpfe, die im 17. und 18. Jahrhundert manchmal revolutionären Charakter annahmen. Die Unannehmlichkeiten setzten bereits ein in der sog. luth. Zeit (1543—1713). In den ersten 30 Jahren setzte die Domina nur kath. Geistliche als Pastoren ein, ließ es aber zu, daß diese sich einen luth. Vizekuraten hielten. Seit 1570 aber, als die Gemeinde vollständig lutherisch geworden war präsentierte Malgarten nur luth. Prediger, unter anderem Pastor Schlingmann, der den Kampf um den Gosekamp entfachte, der lange die höchsten kirchlichen und weltlichen Stellen beschäftigte.
1613 gab der bischöfliche Kommissar Hartmann die Kirche, in Essen dem kath. Kultus zurück, und die Domina Alheit von Langen präsentierte gemeinsam mit dem Konvent, den Osnabrücker Kleriker Konrad Grüther. Ihm gelang es, die Bevölkerung langsam wieder mit der neuen Ordnung zu befreunden, doch erregte sein Lebenswandel Anstoß. Auch die drei folgenden von der Domina in Malgarten ernannten Geistlichen hatten ihre Schwächen und Fehler, und die 1651 für Essen erlassenen Dekrete über die Besserung des religiösen Lebens in der Gemeinde wurden nicht durchgeführt. So kam es, daß es 1658 heißt: „In Essen besteht, was den Besuch der Kirche betrifft, eine solche Kälte, Gleichgültigkeit und Geringschätzung, daß die Eingesessenen die Feste der Apostel, der Muttergottes und andere nicht feiern wollen, auch sich nicht schämen, dieses öffentlich auszusprechen." .Angesehene Leute in Essen, so der Richter Hulshorst, schoben die Schuld an diesen Zuständen Malgarten zu, und als 1661 die Domina Maria von Münster gegen den Willen der Bevölkerung den fremden Geistlichen Hermann Brogberen präsentierte, erhob sich gegen ihn ein heftiger Widerspruch, da ein Teil der Bevölkerung als Pastor den jungen Kaplan von Knapendorf, Hermann Wernsing, einen Verwandten des Richters von Essen, wünschte. Sie griffen das Präsentationsrecht Malgartens an und erklärten: „Wir wollen keinen Geistlichen, der uns vom Weibe geschickt ist." Als aber die Domina auf ihren Willen bestand und Brogberen in sein Amt einführen ließ, übersah man ihn und ließ einen fremden Geistlichen zum Beichthören nach Essen kommen.
Noch stärker erregten sich die Gemüter, als nach dem Tode Brogberens die Äbtissin von Malgarten den Alfhauser Kaplan Schröder und wiederum nicht Kaplan Wernsing von Krapendorf zum Nachfolger vorschlug. Wernsing stellten die Essener das Zeugnis aus: „Er ist zwar jung, aber ein ausgezeichneter Prediger, dabei fromm und beständig und gibt sich Mühe, die „unkatholischen" Bewohner wieder zum rechten Glauben zurückzuführen." Die Domina aber bestand auch jetzt wieder auf ihren Kopf, weil sie der Meinung war, nur ein kleiner Teil der Bevölkerung sei gegen Kaplan Schröder eingestellt. Nun traten die Essener den Gegenbeweis an.
Alle Bauern und Heuerleute versammelten sich nach dem Gottesdienste auf Richters Kamp, wo ihnen ein Protokoll vorgelesen wurde, in dem der von Malgarten bestimmte Kaplan Schröder abgelehnt, Kaplan Wernsing als Pfarrer gewünscht wurde und falls dieses nicht möglich sei, zwei oder drei Prediger nach Essen zur Probe kommen sollten. Das Protokoll wurde einstimmig angenommen und mit einer scharf gehaltenen Eingabe an den Bischof gerichtet. In der Eingabe hieß es unter anderem: „Wir wollen uns von der Malgartenschen nicht länger öwen und narren lassen"; es wurde in ihr sogar behauptet, daß die Domina mehr auf den Weinkauf (Handgeld) als auf die Qualifikation gesehen habe.
Malgarten wandte sich jetzt an den Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen und bat um seine Protektion als Landesherr, „weil die Pfarreingesessenen ihrem bösen Gebrauch nach, wonach sie sich sechs abgelebten Pastoren allemal widersetzt hätten, jetzt wiederum sich erkühnten, und zwar auf Anreizen eines sicheren und bekannten Menschen hin (gemeint ist der Richter Heilshorst) den Kaplan zu Krapendorf propria auctoritate einzusetzen."
Daraufhin befahl der Bischof kurzerhand seinen Beamten, daß Kaplan Schröder zum Besitz der Essener Pastorat zugelassen würde, da letzterer ihm wegen seines exemplarischen Lebens und seiner Gelehrsamkeit gerühmt worden sei. Daraufhin wurde Schröder vom Pastor von Friesoythe und vom Richter in Essen in sein Amt eingeführt, „wird aber", wie in den Malgartenakten zu lesen ist, „folgenden Tages von den wütenden Bauern (a furentibus rusticis) vertrieben, aber auf Befehl des Bischofs im März 1667 wieder zurückgeführt."
Auch bei den Nachfolgern Schröders hatte Malgarten Schwierigkeiten, diesmal aber nicht mit dem Kirchspiel Essen, sondern mit dem Bischof von Münster, der sich inzwischen die geistliche Jurisdiktion, die bislang bei Osnabrück lag, für das Niederstift erworben hatte und nun Malgarten das Patronat über die Kirche in Essen streitig zu machen suchte. So wurde 1692, als die Domina Anna Elisabeth von Uterwich für Essen den Kaplan Kerstiens präsentiert hatte, die Anstellung vom bischöflichen Generalvikar Bardewiek mit dem handschriftlichen Bemerken: „Die Präsentation steht Frauen nicht zu", abgelehnt. Dieser Bemerkung rechtfertigt in etwa die bisherige Einstellung der Bevölkerung Essens gegen die Domina in Malgarten.
Noch volle 100 Jahre dauerte der Streit um das Präsentationsrecht in Essen zwischen Malgarten und Münster. Zum letzten Male übte die Domina Franziska Theresia von Schade ihr Recht aus, als sie den Lohner Kaplan Backmann zum Pfarrer in Essen präsentierte, der dann auch die Pfarre erhielt. 1803 wurde das Kloster Malgarten aufgehoben und vom Könige Jérome von Westfalen, dem Bruder Napoleons, in Besitz genommen. Seit, dieser Zeit lag das Besetzungsrecht in den Händen von Männern und ging 1849 an den Bischof von Münster über.
- Quelle:
- Entnommen dem Heimatblatt "Volkstum und Landschaft" Beilage zur Münsterländischen Tageszeitung in Cloppenburg.
- Druck und Inhaber: Imsieke
- Heft aus dem Jahr 1952, Heft 08, Seite 6 und 7.
- digital aufbereitet H. br.


