Die Pfarre Essen

Aus LostBooks

Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Pfarre Essen


Einführung des Christentums


Kaiser Karl der Große hatte mit der Verwaltung der von ihm eingerichteten Gaue fränkische Gaugrafen eingesetzt. Diese beachteten die ihm Sachsenvolke bestehenden Einrichtungen nicht oder machten sie gar lächerlich. Mit Recht brachten ihnen daher die freien Sachsen Mißtrauen entgegen. Zudem suchten die Grafen im Sinne des Kaisers unseren Vorfahren, die fest am Glauben ihrer Väter hingen, den neuen christlichen Glauben aufzudrängen. Da sie dabei keineswegs schonend vorgingen, so ist es nur zu verständlich, daß sich die Sachsen bei jeder Gelegenheit empörten und Grafen und Priester niedermachten, sobald sie dazu Gelegenheit fanden und sich stark genug fühlten. Durch die langen, mit Erbitterung geführten Sachsenkriege hatte das Volk schwer gelitten. Viele Familien hatten Haus und Hof verlassen müssen, andere waren in Hunger und Elend umgekommen. Viele der einflussreichen Familien, die sich den Bestimmungen der Fremdherrschaft nicht fügen wollten, wurden in andere Gegenden des Reiches verpflanzt. Ihre Güter verfielen dem Fiskus und der Kaiser verschenkte sie an die Geistlichen und an seine Getreuen oder er ließ sie als Domänen von seinen Grafen verwalten.


Derartige Wegführungen werden in alten Urkunden aus den Jahren 794 und 799 berichtet, Das strenge Sachsenrecht sagt u. a.: "Wenn im sächsischen Volke sich ein Ungetaufter heimlich aufhalten sollte, wenn er verschmäht zur Taufe zu kommen und Heide b1eiiben will, so soll er mit dem Tode bestraft werden!"


Erst als durch diese drakonischen Maßnahmen und die sich durch dreißig Jahre hinziehenden Kämpfe das Sachsenvolk mürbe gemacht worden war, als ihr Anführer Widukind 785 mit vielen seiner Getreuen das Taufwasser genommen hatte, besänftigten sich allmählich die aufgeregten Gemüter. So konnte nach der endgültigen Einverleibung in das Frankenreich das große Werk der Christianisierung, das Kaiser Karl sich als Hauptziel gesetzt hatte, in Angriff genommen werden. Zu dem Zwecke teilte er in kirchlicher Hinsicht das eroberte Gebiet in Bistümer und Abteien ein. Sie wurden die Zellen, von denen die Glaubensverkündigung ausging. In unserer engeren Heimat setzte sie nach Niemann ["Das Oldenburger Münsterland"] zuerst im Dersagau ein und erfolgte um 800 durch Bischof Wiho von Osnabrück. Als Hauptkirche in diesem Gau, als Gaukirche also, ist Damme anzusprechen.


Die Kirche hat wie mehrere der ältesten Kirchen des Bistums den heiligen Viktor als Kirchenpatron. Für den nördlichen Teil des Gaues kam um 980 Lohne [Loon] hinzu. Nieberding nimmt in seiner "Geschichte des Niederstifts Münster" aber an, daß die Gründung vom Kloster Visbek erfolgte. Jedenfalls sind Damme und Lohne die Mutterkirchen des Dersagaues, von denen Neuenkirchen, Steinfeld und Dinklage später abgepfarrt wurden. Im größten münsterländischen Gau, im Lerigau, dessen Grenzen im Osten weit über die alten oldenburgischen Grenzen hinausgingen, erfolgte die Christianisierung von der "ablatio Fisbeki" [Abtei Visbek] aus. Sie ist also als Gaukirche des Lerigaues anzusehen und hatte wie viele der ältesten Gotteshäuser den heiligen Vitus lals Kirchenpatron. Visbek lag im Zentrum des Gaues, in dem Kaiser Karls schärfster Gegner, der Sachsenherzog Widukind, begütert war. Hier wurden, so darf man annehmen, von fränkischen Geistlichen die ersten Bekehrungsversuche unternommen, hier wird es auch gewesen sein, wo der Gaugraf Emming und der Priester Folcard von den empörten Sachsen getötet wurden, während die andern Geistlichen fliehen konnten. Unter ihnen befand sich auch Gerbert mit dem Beinamen "der Deutsche", der über großen Güterbesitz in der Gegend von Visbek verfügte. Nachdem der Kaiser den Aufstand niedergeschlagen und die Empörer bestraft hatte, kehrte Gerbert nach Visbek zurück und erbaute dort mit eigenen Mitteln ein kleines Kloster, eine "cellula", das er reich mit Mitteln ausstattete.


Von hier sollte nach dem Willen des Gründers und ersten Abtes die Missionierung der Umgegend ausgehen [819 = Fisbeki; 821 = Fiscbechi; 855 = Fischbeki und Fischboeki].


Mit großem Eifer haben sich die Mönche aus dem Orden des heiligen Benediktus ihrer hohen Aufgabe gewidmet. An günstigen und stark besiedelten Plätzen errichteten sie kleine Holzkapellen, reisten von einer Kapelle zur anderen, predigten an den Sonntagen und spendeten die Sakramente. Später wurden bei den Kirchen Wohnungen für einen ständigen Geistlichen erbaut, denen durch ein Gesetz des Kaisers Ludwig um 817 ein Bauernhof mit Zubehör und hörigen Bauern beigegeben wurde.


Von Visbek aus wurden folgende Kirchen, die man als Mutterkirchen bezeichnet, gegründet: Bakum, Langförden, Emstek, Goldenstedt, Kneten, Krapendorf, Altenoythe und Lohne. Der Kaiser erkannte die segensreiche Tätigkeit des Klosters dadurch an, daß er 819 dem Abte Castus die Immunität = Unverletzlichkeit: für sein Kloster und die ihm unterstellten Kirchen im Lerigau, Hasegau und Fenkingau ertei1te. Vier Jahre später gründete Kaiser Ludwig das K1oster Corvey an der Weser, dem er 835 das Missionshaus Meppen und 855 nach dem Tode des Abtes Castus das Missionshaus Visbek unterstellte. Die Mönche in Visbek waren damals beschäftigt, das Kloster zu vergrößern; mit der Überführung nach Corvey hörte aber die Bautätigkeit plötzlich auf und das Kloster verschwand aus der Geschichte, obwohl der Abt von Corvey noch 855 zwei Mönche nach Visbek sandte, die der Tätigkeit der Mönche das beste Zeugnis - ausstellten. Der Grund zur Aufhebung wird, wohl darin zu suchen sein, daß Gaugraf Waltbert, ein Enkel Widukinds, in Wildeshausen ein Chorherrenstift gegründet hatte, zu dem er vom Papste die Reliquien des heiligen Alexander erbat, die er 851 persönlich von Rom geholt hatte. 855 bestätigte Kaiser Ludwig die neue Stiftung und die Gläubigen von Visbek wandten sich nunmehr nach Wildeshausen, so daß die cellula vereinsamte und zerfiel. Visbek blieb nur mehr als Mutterkirche bestehen. Für den Hasegau und den angrenzenden Gau Agrontigon wurde eine Missionsstation in Meppen ins Leben gerufen, die auch mit Benediktinern besetzt wurde.


Als Haupt- und Gaukirche kann nur Löningen an der Hase in Frage kommen, denn


1. Löningen ist eine der ältesten Siedlungen des Münsterlandes und wird bereits in einer Urkunde aus dem Jahr 822 erwähnt, in der ein gewisser Wulfricus = Wulfrieh in Loingo dem Kloster Corvey alles, was er besitzt, vermacht [spätere Schreibweise: Lonyngen, Lonigge, Löningen, Lonychen, Loninghem, Lonighe].


2. Wie verschiedene der ältesten Kirchen des Landes, wie Visbek und Altenoythe, war auch die in Löningen dem heiligen Vitus geweiht.


3. In Löningen befand sich das älteste Gericht des Hasegaues, das Gaugericht. Später entstanden auch Gerichte in Essen und Lastrup.


4. Löningen war im Mittelalter Sitz eines Archidiakons, dem die Kirchen in Löningen, Lastrup, Lindern und Menslage unterstanden.


Man darf also mit Recht annehmen, daß nach Niederwerfung der Sachsen in Löningen die erste Kirche für den Hasegau gebaut wurde, deren Gründung [nach Nieberding] von der Station in Meppen ausging. Willoh ["Geschichte der kath. Pfarreien"] nimmt dagegen an, daß Löningen vom Missionshause Visbek aus gegründet wurde. Dem scheint auch so zu sein, denn einmal hat Löningen mit Visbek den heiligen Vitus als Kirchenpatron, zum anderen berichtet die schon erwähnte Urkunde aus dem Jahr 819, daß Kaiser Ludwig die Abtei Visbek und die Kirchen des Leri-, Hase- und Fenkingaues unter seinen besonderen Schutz stellte.


Da aber damals die Kirchen in Essen, Lastrup und Menslage noch nicht bestanden, kann mit den "untergebenen Kirchen des Hasegaues" nur Löningen gemeint sein. Von der Gaukirche wurde in der Zeit von 968 - 978 die Kirche in Essen und um 1000 die Kirchen in Lastrup und Menslage abgepfarrt. Eine Sonderstellung nimmt hierbei die Kirche in Essen ein, die von der Gräfin Alaburg, der Gemahlin des Gaugrafen vom Hasegau zu Ehren des heiligen Pankratius gegründet wurde. Wie bereits erwähnt, waren die ersten Kapellen unserer Heimat aus Holz erbaut und nur für den Notbehelf eingerichtet. Später mußten sie größeren Bauten ebenfalls aus Holz weichen, alle ohne viel Kunst und Schmuck erbaut.


Die Ziegelsteinfabrikation war bei den Sachsen noch nicht bekannt und zudem hatten unsere Vorfahren eine Abneigung gegen Steinbauten. Noch um 1170 wurde die erste Ludgerikirche in Münster aus Holz gebaut. Erst gegen Ende des 11. und zu Anfang des 12. Jahrhunderts begann man in unserer Gegend mit dem Bau von Steinkirchen, die in Gemeinschaftsarbeit hergestel1t wurden. Das Baumaterial lieferten die überall herumliegenden Findlinge und Feldsteine oder auch die alten Hünengräber unserer Heimat. Sie fanden für das Fundament Verwendung, aber nach Spaltung konnten sie mit der platten Seite nach außen auch im Mauerwerk verwendet werden. Hohle Stellen und Lücken wurden mit Bauschutt und kleinen Feldsteinen ausgefüllt und das Ganze mit Kalk übersetzt.


Ausgehend von den Klöstern [z. B. Hude] wurden später Klöster- und Kirchenbauten aus Backsteinen im Großformat erbaut. Gewölbe kannte man auch in den ersten Steinkirchen nicht; sie traten in einfachster Form erst im 12. Jahrhundert auf. Die Decken bestanden ehedem aus Balken, die mit Dielen belegt waren. Ein Spitzdach, mit Stroh oder Schindeln gedeckt, bot Schutz vor den Unbilden der Witterung. Auch Glasfenster, ornamentalen Schmuck, Gemälde und Bilder kannte man bei den alten Kirchen kaum. Von den Kirchen aus alter Zeit sind im Münsterlande nur die Kirchen in Altenoythe [im ältesten Teil zu Anfang des 12. Jahrhunderts erbaut], in Oythe und Bokelesch erhalten. Den ältesten Generationen sind noch die alten Kirchen in Bakum, Langförden, Damme, Emstek, Cappeln, Goldenstedt, Molbergen und Neuenkirchen bekannt und es wäre eine dankenswerte Aufgaben, die Bilder dieser alten Kirchen zu sammeln, um sie der Nachwelt zu erhalten.


Das Beaufsichtigungsrecht über die in unserer Heimat gegründeten Pfarren und Kirchen übten im Mittelalter die Bischöfe von Osnabrück aus, bei denen die geistliche Jurisdiktion lag. Die Kirchen waren sogenannte Archidiakonaten zugewiesen, die von Archidiakonen, die man "das Auge des Bischofs" nannte, verwaltet wurden. Sie hatten die Aufgabe, in ihrem Diakonat die Kirchenordnung aufrecht zu erhalten, die neuernannten Geistlichen in ihr Amt einzuführen, die Amtsführung zu überwachen und die Rechnungsführung sowie die Ausstattung der Kirchen und die Friedhöfe zu beaufsichtigen. Im Namen und im Auftrage des Bischofs hielt der Archidiakon dreimal im Jahre mit dem Pfarrer und den Vertretern der Gemeinde eine Synode ab. Übelstände in der Gemeinde in sittlicher Hinsicht, in der Verwaltung des Kirchengutes, in der Einziehung des Zehnten für die Kirchen wurden hier geschlichtet, und wenn erforderlich gestraft. Als Archidiakone amtierten neben den Mitgliedern des Domkapitels eigens vom Bischöfe ernannte Pröbste. Von den Kirchen innerhalb der Gaue des Münsterlandes waren unterstellt:


1. Dem Archidiakonat des Domscholasters in Osnabrück [dem Lehrer der theologisch-wissenschaftlichen Schule] die Kirchen in Langförden, Bakum, Oythe, Cappeln und Vestrup.


2. Dem Archidiakonat des Domküsters in Osnabrück: Damme, Steinfeld, Neuenkirchen, Lohne, Dinklage und Vechta.


3. Dem Archidiakonat des Probstes in Bramsche beziehungsweise in Quakenbrück: Großenkneten, Essen, Krapendorf und Altenoythe.


4. Dem Archidiakonat des Probstes in Drebber: Visbek, Emstek, Goldenstedt, Lutten und Wildeshausen.


5. Dem Archidiakonat Merzen mit dem zeitweiligen Sitz in Löningen [nach Lodtmann]: Löningen, Molbergen, Lastrup und Lindern.


Die Kirchen des Saterlandes [Ramsloh, Scharrel, Strücklingen] hatten eigene Verwaltungen und waren keinem Archidiakonat des Bischofs von Osnabrück angeschlossen. Nach Aufhebung der Archidiakonate unter dem Fürstbischof Franz Wilhelm von Osnabrück wurden in Münsterlande die beiden Dekanate Vechta und Cloppenburg 1628 unter je einem Dechant gebi1det, wobei die Pfarren des Saterlandes dem Dekanat Cloppenburg angeschlossen wurden.


Quellen

  • Niemann - Das Oldenburger Münsterland
  • Heinrich Bockhorst - Manuskript
  • Willoh - Geschichte der kath. Pfarreien
  • Heinz Strickmann
  • aufgearbeitet h. br.
Ansichten
Persönliche Werkzeuge