Calhorn - vom Gut zur Siedlung
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Das neue Dorf Calhorn.
Vom Gute zur Siedlung
Die Geschichte des Gutes
Dieses alte adelige Gut, dass jetzt in Kolonate aufgeteilt wird, liegt im nordöstlichen Teile der Gemeinde Essen und erstreckt sich zu beiden Seiten des sogenannten Calhorner Mühlenbaches. Nach der Sage soll es bereits in die Zeiten Karls des Großen zurückreichen, der hier ein Jagdschloss besessen habe. Von dem gewaltigen Jagdhorn des mächtigen Herrschers, das hier aufbewahrt wurde, soll das Gut den Namen Karlshorn erhalten haben. Später soll er dann in Calhorn ungeformt worden sein. In einem alten Gebäude, das im vorigen Jahrhunderte noch zu sehen war, und Hundestall genannt wurde, sollen die Jagdhunde Karls des Großen untergebracht gewesen sein.
Tatsächlich reicht der Ursprung des Gutes ziemlich weit zurück, so daß darüber nichts Näheres bekannt ist. Er soll auf den Gründen zweier Bauernhöfe, Lohmann und Wilken, errichtet sein, ist aber später durch Ankäufe und Abfindungen bedeutend vergrößert worden, so daß es zuletzt 294 Hektar groß war. Der Name hängt ohne Zweifel mit „Wald“ zusammen; denn „Horn“ bedeutet ein vorspringendes Stück Waldes, aber oft auch „Wald“ schlicht hin.
Soweit die Nachrichten zurückreichen, war es anfangs im Besitz einer Familie von Bockraden. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts hieß der Eigentümer Wille von Bockraden. Er starb 1563. Einer seiner Söhne, Johann, erstach 1583 zu Leerort einen Gegner im Streite. Er entfloh und ward kurz darauf erfroren im Moore aufgefunden. Die Leiche wurde nach Leer gebracht und die Mutter benachrichtigt. Diese ließ die Leiche abholen und am Tage vor Pauli Bekehrung auf dem Kirchhof zu Essen beerdigen.
Nachdem im Jahre 1652 die Familie von Bockraden ausgestorben war, fiel das Gut an Wilhelm von Dinklage auf Duderstadt, dessen Mutter eine Fredeke von Backraden gewesen war. Da er keine Leibeserben hinterließ, beerbte ihn sein Bruder Otto von Dinklage, dessen Gemahlin eine geborene Katherina von Bahlen, wegen ihrer Religion vertrieben worden war. Sein Sohn Wilelm wurde 1659 in Essen von einem dortigen Krämer, Heinrich Sandmann, der im Volksmunde den Beinamen „Langer Heinrich“ führte, im Streit mit einem Brotmesser erstochen. Der Mörder entfloh. Nach den damaligen Rechtsbestimmungen fiel das Vermögen des Mörders der Familie des Ermordeten anheim. Die Familie von Dinklage schenkte es 1676 den Armen der Gemeinde Essen.
In den Türkenkriegen des 18. Jahrhunderts erlitten drei Söhne des Calhorner Gutsherren in Ungarn den Heldentod, ein vierter, Caspar Ludolph, zeichnete sich in der Schlacht bei Essek so aus, daß ihm der Fürstbischof von Münster einen Ring und sein Bildnis zum Andenken schenkte. Er starb, nachdem er als Oberst seinen Abschied genommen hatte, unverheiratet auf Calhorn.
Im Jahre 1797 ging das Gut an Sigmund von Falkenstein über, der die Schwester des letzten, unverheiratet gebliebenen Besitzers geheiratet hatte. Der Freiherr von Falkenstein stammte aus Süddeutschland, war in einem hannöverschen Grenadierregiment Leutnant gewesen und hatte auf dem Rückzuge aus dem Feldzuge gegen Frankreich im Jahre 1795 in der Nähe von Calhorn im Quartier gelegen. Bevor er aber das Gut antreten konnte, musste er sich mit dem Baron von Nagel-Itlingen auseinandersetzen, der ebenfalls Erbschaftsansprüche erhob. Mit ihm verglich er sich im Jahre 1804, indem er ihm 20000 Rtlr. Abfindung auszuzahlen versprach. Dadurch geriet das Ehepaar von Falkenstein stark in Schulden, und da noch weitere Missverhältnisse hinzukamen, wuchs in der Folgezeit die Schuldenlast immer mehr an, so daß 1867 der Enkel, Sigismund von Falkenstein, das Gut im Konkurse verkaufen musste, nachdem schon vorher mehrere Grundstücke veräußert waren. Käufer war der Freiherr Ernst von Nagel-Itlingen, der es für 24000 Taler erstand. – Eine Tochter der verarten Familie von Falkenstein lebte längere Zeit auf Füchtel bei Vechta und heiratete später den Küster Holzhaus in Oythe.
Das Gut Calhorn blieb mehrere Jahrzehnte im Besitze der Familie Nagel-Itligen, bis es vor nicht langer Zeit an den Kaufmann Linnemann aus Ahlen in Westfalen veräußert wurde. Von ihm hat es jetzt die Genossenschaft der Kleinlandwirte erstanden, um es in Kolonate aufzuteilen. –
Auf dem Gute Calhorn hat fast zwei Jahrhunderte hindurch eine Kapelle bestanden, die nicht bloß den Angehörigen des Gutshofes zur Erfüllung der religiösen Pflichten dienste, sondern auch von den Umwohnenden aufgesucht wurde. Wegen des weiten und unbequemen Kirchweges zu der zu der eine Stunde entfernt liegenden Pfarrkirche in Essen bot die Einrichtung für die Eingesessenen der Umgegend viele Vorteile. Erbaut wurde das freilich nur kleine und unscheinbare Gotteshaus im Jahre 1756 durch den Freiherrn von Dinklage, der damals das Gut bewohnte. Durch einen Hausgeistlichen des Adligen wurde darin täglich, mit Ausnahme der Hauptfesttage, Gottesdienst abgehalten. Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts hielt sich ein zur Revolutionszeit aus dem Elsaß geflohener Geistlicher, namens Dolhofen, längere Zeit als Hausgeistlicher auf Calhorn auf, bis er seinen Wohnsitz nach Sevelten verlegte, um an der dortigen Kapelle den Gottesdienst wahrzunehmen. Dolhofen war der erste in unserer Gegend, der die Aufmerksamkeit auf Urnenhügel und sonstige Denkmäler der Vorzeit lenkte, Nachgrabungen vornahm und Forschungen anstellte. Seitdem ist das Interesse für diese Gegenstände lebendig geworden.
Der Gottesdienst auf Calhorn hörte 1830 auf, weil das Gut damals nicht von einem Adligen bewohnt war; das kleine Gotteshaus wurde sogar abgebrochen. Dieser Umstand gab die Veranlassung, daß zu jener Zeit unter den Bewohnern von Addrup, Bevern, Uptloh usw. der Gedanke auftauchte, an geeigneter Stelle eine eigene Kirche zu errichten, ein Plan, der bekanntlich damals nicht zur Durchführung gelangt ist, sondern erst in unseren Tagen verwirklicht worden ist.
Als Freiherr Maximilian von Falkenstein das Gut Calhorn bezog, veranlasste ihn die weite Entfernung von der Pfarrkirche, wieder ein kleines Gotteshaus zu errichten und die Erlaubnis zur Abhaltung eines Sonn- und Festtäglichen Gottesdienstes zu erwirken. Die neue Kapelle fiel recht bescheiden aus, da der Erbauer nur über geringe Mittel verfügte; sie war räumlich noch beschränkter als die ehemalige, vom Freiherrn von Dinklage erbaute, bis der spätere Besitzer des Gutes, Freiherr von Nagel-Itlingen, sie vergrößerte. Zu dem Bau hatten übrigens auch die Umwohner eine Kleinigkeit beigesteuert, im ganzen 366 Taler, die von allem zur Beschaffung der notwendigen Ausstattungsgegenstände benutzt wurden. Dafür erhielten sie die Erlaubnis, am Gottesdienst teilnehmen zu dürfen. Dieser wurde für die Folgezeit in der Regel nicht mehr durch einen Hausgeistlichen wahrgenommen, sondern durch einen eigenen Kooperator, der die Woche hindurch in Essen wohnte und nur zu den Sonn- und Festtagen nach Calhorn ging.
Mit dem Bau der Kapelle in Bevern hatte das Calhorner Gotteshaus seine Bedeutung verloren; Gottesdienst wurde nicht mehr darin abgehalten. Der frühere Kapellenraum diente später als Stall, Nur zwei bunte Fenster erinnerten noch an die frühere Bestimmung. Außerdem sah man noch einen Chorstuhl, der mit dem Wappen der Adligen, die auf Calhorn wohnhaft gewesen waren, versehen war. Andere Ausstattungsgegenstände waren in die neue Kirche von Bevern überführt worden, zum Teil, wie erzählt wurde, gegen den Willen einiger Bewohner aus der Umgegend von Calhorn, die ein Verfügungsrecht beanspruchten, weil ihre Vorfahren ehedem einige hundert Taler zur Ausstattung des Gotteshauses auf Calhorn beigesteuert hatten. Der Chorstuhl ist, wenn wir recht unterrichtet sind, in jüngster Zeit dem Heimatmuseum in Cloppenburg überwiesen worden. Auch ein alter Wagen, in dem einst Napoleon gefahren sein soll, ist, wenn wir nicht irren an das Cloppenburger Heimatmuseum gelangt.
Die Besitzer von Calhorn besaßen in der Essener Pfarrkirche einen Stuhl. In der lutherischen Zeit (1543-1614) hatten sämtliche Adeligen des Kirchspiel Essen eigene Kirchenstühle aufgestellt, und zwar teilweise auf dem Chore, teilweise im Schiff der Kirche vor den Seitenaltären, wo ehemals die Beichtstühle gestanden hatten, so daß die Seitenaltäre kaum noch zugänglich waren. Als nach Wiedereinführung der katholischen Religion wieder Beichtstühle aufgestellt werden sollten, war dafür wegen der adligen Kirchensitze kein Platz zu finden, so daß die Geistlichen im Chorstuhle Beichte hören mussten. Zudem verdeckten die Stühle der Adligen für die übrigen Gläubigen den Blick auf den Altar. Der Stuhl der Adligen von Calhorn war so hoch, daß er sogar über die Kanzel emporragte. Es hat langer Verhandlungen bedurft, ehe die Adligen sich geneigt zeigten, die Stühle zu entfernen oder doch so aufzustellen, daß sie nicht unnötig Platz raubten.
Da die alte Kirche in Essen für die Besucherzahl zu klein war, hatte man die Orgelbühne soweit verlängert, daß sie über das halbe Kirchenschiff hinwegreichte. Außerdem hat man an der Nordseite noch eine kleine Bühne angebracht, worauf etwa 12 bis 16 Personen Platz finden konnten. Dies kleine Bühne hieß “Calhorner Bäön“. Weshalb sie so bezeichnet wurde, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich har der Gutsherr auf Calhorn die Kosten der Errichtung ganz oder teilweise bestritten. Jedenfalls stand die Benutzung allen Kirchenbesuchern frei und war nicht etwa den Calhornern vorbehalten.
Der Begräbnisplatz der Adligen auf Calhorn lag außerhalb der Kirche; in der Kirche scheinen sie keine Grabstätte besessen zu haben. Sonst war es in früherer Jahrhunderten nicht selten üblich, die Adligen und die Geistlichen innerhalb der Kirche, und zwar in den Gängen oder auf dem Chore oder vor den Seitenaltären beizusetzen. In Essen scheint man dieser Sitte nicht gehuldigt zu haben.
Der Grund und Boden in Calhorn ist durchschnittlich leichter Sandboden. Am Calhorner Bach entlang ziehen sich fruchtbare Wiesen. Landschaftlich ist die Gegend anmutig, zumal hübsche Baumreihen die Gutswege einfassen. Die Chaussee verbindet das Gut mit dem Orte Bevern; bei der Beverner Kirche trifft sie die Kunststraße Essen – Vechta.
Die neue Siedlung Calhorn.
Aus dem Gute Calhorn wächst das neue Dorf Calhorn. Von der 260 Hektar großen Fläche des Gutes sind 230 Hektar in dem Besitz der Genossenschaftsbank der Kleinlandwirte, der Siedlungsstelle des Verbandes landwirtschaftlicher Kleinbetriebe, übergegangen, dessen erfolgreiche Siedlungstätigkeit in den letzten Jahren überall Anerkennung gefunden hat. Das ganze Gut ist in 18 Siedlerstellen aufgeteilt, die im Durchschnitt 13 – 14 Hektar groß sind. Von den vorhandenen Gebäuden sind vier von je einem Siedler übernommen worden. Für 14 Siedler sind neue Häuser von der Genossenschaft gebaut worden. Die Gestehungskosten eines Siedlerhauses betragen etwa 8000 R.M. Die meisten Siedler haben ihre Stelle bereits angetreten. Von dem vorhandenen Öd- und Waldland sind bereits 30 – 40 Hektar völlig kultiviert worden. Ein Stubbenroder nacht 2 Scheffelsaat pro Tag von den Stubben frei. Anstelle der früheren Wassermühle, die nicht weitergeführt werden konnte, weil das Staurecht bereits früher an die Hasewasseracht verkauft war, ist eine moderne Mühle, die mit elektrischer Energie betrieben wird getreten.
Die neue Siedlung liegt innerhalb der politischen Gemeinde Essen, vom Ort Essen ist sie etwa 6 Klm. Entfernt. Kirchlich gehört das neue Dorf Calhorn zu Bevern, das nur 1,5 Klm. Entfernt liegt. Eine neue Schule wird ebenfalls gebaut, so daß auch in dieser Hinsicht alles wohl beordnet wird.
Was die finanzielle Grundlage der neuen Siedlung Calhorn angeht, so kann man sie als durchaus gesund bezeichnen. Die Siedler sind tüchtige und strebsame Landwirte, die den festen Willen haben, ihre Arbeitskraft und ihr Können voll einzusetzen für ihre nunmehr eigene Scholle, die ihnen und ihrer Familie eine neue Heimat werden soll.
Quellen:
- Heimatblätter - 1930 Nr. 4, Vechta den 19. April, Jahrgang 12
- Zeitschrift des „Heimatbundes für das Oldenburger Münsterland“
- Aufgearbeitet v. H. Brümmer