Brauchtum in Addrup

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Ehemaliges religiöses Brauchtum in Addrup

von Johanna Kröger, Lehrerin in Essen

Kirche in Bevern

Zu Anfang dieses Jahrhunderte war der Pfarre Bevern mit den Bauerschaften Lage, Nordholte, Stadtsholte, Calhorn, Uptloh und Addrup eine Pfingstfeier nach heutigem Sinne noch nicht vergönnt. Der verstorbene Pfarrer Zumbrägel hat das religiöse Leben der Gemeinde in völlig neue Bahnen gelenkt. Er war es, der — tatkräftig unterstützt von treuen Mitarbeitern — das stilvolle Gotteshaus erbaute. Ihm wissen die Pfarrkinder es durch ein stilles Memento in der hl. Messe zu danken, daß sie seit dem 5. Dezember 1904 zunächst an Sonn- und Festtagen ein hl. Opfer hatten und seit Juli 1908 täglich einen eigenen Gottesdienst im Mittelpunkt der damaligen Kapellen- und jetzigen Pfarrgemeinde Bevern haben. Nun brauchen sie den weiten Weg zur ehemaligen - Pfarrkirche in Essen nicht mehr zurückzulegen oder sich an Sonntagen mit einer stillen Messe auf Calhorn begnügen.


Altes religiöses Brauchtum ist mit der Eröffnung des kirchlichen Gottesdienstes in den Bauerschaften - Addrup und Bevern verschwunden. An dieser Stelle sei heute, wo die Prozessionen und Wallfahrten so rege sind, zunächst auf die ehemaligen religiösen Sitten und Gebräuche der Bauerschaft Addrup hingewiesen.


Die Volksschule in Addrup diente wie jene in Bevern in vergangenen Zeiten an Werktagen zur Ausbildung der männlichen und weiblichen Jugend, an Sonn- und Festtagen der weitverzweigten Bauerschaft und der ganzen Umgebung als Betsaal. Alte Leute aus Addrup werden sich noch daran erinnern. Der Schulraum war zweckentsprechend ausgestattet. Als Wandschmuck hatten die Vorfahren einst die Statuen von den 12 Aposteln angebracht Sie waren aus Holz geschnitzt, bemalt und 1 m hoch. Später mußten sie wegen Platzmangel entfernt werden. Sie sollen verkauft worden sein.


In einem Glaskasten thronte eine ebenfalls aus Holz geschnitzte und bemalte Statue der Gottesmutter- mit dem Jesuskind. Kleid und Mantel der Figuren waren aus Seide- und die Farbe den Festtagen jeweils angepasst. Fromme Wohltäter hatten ein weißes - mit Tresse, ein blaues und grauseidenes Gewand gestiftet. Die goldene Halskette von Mutter und Kind war ein Vermächtnis der Familie Flerlage. Die schöne schwarze Perücke des Kindes stammte von dem Haar des einzigen verstorbenen Söhnleins dieser Familie.


An jedem Sonn- Und Festtage, versammelten sich viele Leute von nah und fern in der Schule zur gemeinsamen Nachmittagsandacht oder zur Christenlehre. Wegen des weiten Kirchweges zur Sonntagsmesse nach Essen, der zu Fuß zurückgelegt werden mußte, konnten die Teilnehmer erst um 4 Uhr erscheinen.


Das andächtige Rosenkranzgebet und der volle Gesang der Lieder aus dem alten Laudes- und Vesperbuch stimmten das Herz der tiefgläubigen, schlichten Vorfahren zur Andacht. Auch der Christenlehre wohnten sie mit Interesse bei, denn der Unterricht in religiösen Dingen ließ zu Anfang des vorigen Jahrhunderts noch viel zu wünschen übrig. Alle Zuhörer kamen daher gern und oft. Bei schlechtem Wetter traten sie mit sauber gescheuerten Holzschuhen an. Ob der Raum dem Andrang der Zuhörer allezeit genügte, entzieht sich unserer Kenntnis.


Die Leitung lag in den Händen des jeweiligen Hauptlehrers der Schule. Sie war vor Zeiten von einem Stelleninhaber, dessen Name uns nicht mehr bekannt ist, als Entgelt für die jährliche Erntekollekte freiwillig übernommen worden und hat sich durch Generationen bis zur Eröffnung des Gottesdienstes in der neuen Kirche zu Bevern (1904) fortgepflanzt. Unter dem Hauptlehrer Gerhard Kaiser (1817—1837) wird die Andacht in einem Berichte eigens genannt, dürfte aber schon weit eher eingeführt worden sein, denn 1763 bestand schon ein Schulgebäude in Addrup und 1669 wird eine Volksschule in Addrup als die älteste der Bauerschaftsschulen von Essen in der Geschichte genannt. Unter Gottlieb Brockhage (1803—1817) befand sich ein neues Schulgebäude auf dem dortigen Spielplatze, das aber wohl nicht groß genug gewesen sein muß, denn schon 1861 wurde das jetzige Schulhaus erbaut und 1920 nach Einrichtung der zweiten Klasse erweitert.


Am 1.Ostertage wurde kein Gottesdienst in der Schule abgehalten. Statt dessen versammelte sich die Bevölkerung abends vor dem Schullokal. Alle Anwesenden trugen Fackeln, sog. „Blädösen", hergestellt aus verbrauchten Besen oder Torf in Händen und zogen zum nahen Esch des Bauern Dinkgrefe. Dort wurde ein großes Osterfeuer abgebrannt.Die Zuschauer stellten sich um das Feuer, beteten gemeinsam den glorreichen Rosenkranz und sangen alte Osterlieder. Hernach gab es Spiel und Scherz. Ein Teil der Asche wurde verauktioniert und der Erlös für verschiedene Zwecke verwendet.


Alljährlich veranstaltete die Schule zu Addrup zwei Prozessionen durch den Esch. Einmal wurde der Weg nördlich, einmal südlich der Schule eingeschlagen. Der Rückweg führte wieder auf den Hauptweg. Die erste Prozession fand am zweiten Pfingsttage statt, die zweite am Feste Peter und Paul. Jedes mal war der festlich geschmückte Prozessionsweg mit 5 großen Bogen geziert. Diese ragten weit über die Kornfelder des Esches und über die Wiesen hinweg. Die Knaben des letzten Schuljahres führten mit der Fahne in den Händen die große feierliche Prozession an. Acht weißgekleidete Mädchen trugen abwechselnd die bekränzte Statue der Muttergottes auf einer Bahre durch das Feld. Die stattliche Schar der Andächtigen betete den Rosenkranz und sang Marionlieder. Josef Flerlage und Klem. Tabeling, die als vorzügliche Vorsänger gewiß noch in bester Erinnerung sind, mußten durch viele Jahre auf dem Rückwege — übernommener Pflichten, gemäß — die Litanei von allen Heiligen vorsingen. Am Ausgangspunkt angelangt, drang das „Großer Gott" aus aller Munde weit in den stillen Abendfrieden hinaus. Befriedigt kehrte das Volk heim.


Die goldene Kette der Muttergottes und des Jesuskindes sind 1914/18 von Pfarrer Zumbrägel fürs Vaterland abgeliefert worden. Die Statue, deren Holz mit der Zeit wurmstichig geworden war, konnte daher in Schule und Kirche keine Verwendung mehr finden. Heute ist eine feierliche Sakramentsprozession am Fronleichnamsfeste neben anderen kleineren Prozessionen an die Stelle der ehemaligen Prozessionen der Volksschule getreten und erfreut sich alljährlich einer großen Teilnahme seitens der Bevölkerung aus der ganzen Pfarrgemeinde Bevern.

Bericht von Johanna Kröger



Quellen:

Bericht abgeschrieben aus dem 1959 erschienen „Volkstum und Landschaft“ Nummer 47, 20. Jahrgang

Heimatblätter der Münsterländischen Tageszeitung - Seite 10,

Beilage zur Münsterländischen Tageszeitung

Druck und Verlag: Insieke Cloppenburg

Aufgearbeitet v. H. Brümmer

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